Postdoc – eine Suche nach dem Ich

Fr, 15.05.2015 - 12:06 — Inge Schuster

Inge SchusterPolitik & Gesellschaft

Der erste Roman von Gottfried Schatz*

Jahrhundertelang waren Gesellen nach Abschluss der Lehrjahre „auf die Walz gegangen“, hatten in fremden Ländern, bei erfahrenen Meistern neue Techniken gelernt und Lebenserfahrungen gesammelt. Dies ist heute nur noch in der Welt der Wissenschaft üblich. Wenn man Forscher werden möchte, ist es nahezu unabdingbar nach Beendigung des Studiums auf die Walz zu gehen, als Postdoktorand – Postdoc – bei einem möglichst anerkannten Wissenschafter weiter zu lernen.

Der renommierte Biochemiker Gottfried Schatz – selbst geprägt durch seine Postdoc-Zeit – hat mehr als 80 Postdocs betreut. Seine Erfahrungen und Schlussfolgerungen verarbeitet er nun in einem Roman, der aber eine frei erfundene Handlung zum Inhalt hat. Es ist sein erstes Werk in diesem Genre. Dass Schatz ausgezeichnet formulieren kann, weiß man längst aus seinen mehr als 400 wissenschaftlichen Arbeiten und den vielen, auch für ein Laienpublikum leicht verständlichen Essays und Vorträgen. Dennoch erstaunt die Meisterschaft mit der er hier schreibt, fast möchte man sagen komponiert: es entsteht eine bunte Fülle an Geschichten, die (polyphon) miteinander verwoben werden, durchzogen von einem Grundmotiv - der Frage nach dem „Wer bin ich“ und begleitet von Leitmotiven, die den (Gemüts)zustand der handelnden Personen charakterisieren. Der Reichtum an Details, den dieser Roman bietet, ist nicht in wenigen Sätzen wiederzugeben. Jeder Leser wird Passagen finden, Aussagen des Autors, die ihn besonders ansprechen, die zum Nachdenken anregen.

Es ist ein großartiges, absolut empfehlenswertes Buch!

Die Vorgeschichte

Antal von Nemethy, ein junger Chemiker, hat alles, was ihm eine strahlende Zukunft verheißt. Er ist hochintelligent, talentiert und kreativ und er stammt aus einer wohlhabenden österreichisch-ungarischen Fabrikanten-Familie. Statt unter enttäuschenden Bedingungen in Wien konnte er es sich leisten sein Studium in Paris zu absolvieren – er wurde ein experimentell geschickter und vor allem von der Biochemie faszinierter Chemiker. Eine Zufallsentdeckung, die er dort gemacht hat, verspricht einen fulminanten Durchbruch in der Tumorbehandlung. Es handelt sich dabei um zwei an sich harmlose synthetische Substanzen, die sich in Krebszellen – und nur dort – zu einem „Binärmedikament“, einer tödlichen Waffe gegen diese Zellen verbinden. Leider ist er aber hier nicht der Erste – dasselbe Prinzip ist bereits knapp zuvor zur Veröffentlichung eingereicht worden und zwar von einem aus Ungarn stammenden, renommierten Mediziner, Sandor Cherascu, der in New York ein angesehenes Krebsforschungsinstitut leitet. Um zumindest noch in der Weiterentwicklung dieser bedeutenden Entdeckung mitzuspielen, bewirbt sich Antal um eine Mitarbeiterstelle an diesem Institut und erhält diese auch. Mit einem ansehnlichen Stipendium unterstützt tritt er im Sommer 1975 seine Stelle als Postdoktorand – Postdoc – an.

Der Roman

Manhattan – Midtownspielt zum großen Teil in New York. (Bild: Manhattan – Midtown; Wikipedia)

Die Handlung setzt drei Monate später ein, führt vom Herbst in den Winter, von den Träumen und Hoffnungen Antals in eine bittere, desillusionierende Realität. Mit Antal als Zentralfigur werden auch die ihm nahestehenden Personen überaus plastisch dargestellt. Mit ihren Geschichten, die tief in die Vergangenheit zurückreichen. Wir hören über seinen Vater, über seine Geliebte(n), über seine Kollegen – Postdocs wie er und Studienabbrecher, die nun als Laboranten arbeiten – über den überaus zwielichtigen Institutsleiter Cherascu und über einen Gerichtsmediziner, der Antal schätzt und beschützen möchte. Daraus entwickelt sich eine ungemein facettenreiche Erzählung aus und über die Welt der Wissenschafter, die von Leidenschaft für ihre Forschung und von harter Arbeit berichtet, von exorbitanter Abhängigkeit vom Vorgesetzten, vom Mangel an Privatleben und daraus resultierender Einsamkeit, von kurzen euphorischen Momenten und langen frustrierenden Phasen, von Kameradschaft und Liebe ebenso wie von Betrug und Verrat, von Unsicherheit , Existenzangst, der Scheu etwas völlig Neues zu beginnen und vom Scheitern.

Erkenne Dich selbst

Die Aufforderung, die über dem Eingang zum Apollotempel in Delphi steht, kann auch als Grundmotiv der ineinander verflochtenen Handlungen gesehen werden. Das Erkennen führt nicht nur bei Antal zum Scheitern.

Der Roman beginnt mit dem Selbstmord Ilonas, einer aus Ungarn stammenden, reizvollen und klugen Kollegin Antals, die kurz auch seine Geliebte war. Im Laufe der Erzählung findet Antal den Auslöser von Ilonas Selbstmord: Cherascu. Mit diesem hatte Ilona in Ungarn zusammengearbeitet, ihn als Idol angesehen, ihm voll vertraut. Er hatte nicht nur ihre Forschungsergebnisse gestohlen – sie war die eigentliche Entdeckerin des Binärmedikaments – er hatte auch, um den Alleinbesitz der Daten zu sichern, ihren Fluchtversuch aus Ungarn verraten und sie damit hinter Gitter gebracht. Ilona erfährt erst jetzt von dem Verrat und zerbricht: „Ich bin den falschen Idealen nachgelaufen, habe den falschen Menschen vertraut und mich an falsche Hoffnungen geklammert.“

Auch Antals Vater ist ein Gescheiterter. Selbst erfolgreicher Industrie-Chemiker, der es aber nicht zum Forscher geschafft hat, steht er bereits im höheren Lebensalter. Seine von ihm in der Steiermark aufgebaute Kunststoff-erzeugende Firma ist ins Visier der Umweltschützer geraten: irgendwelche, nicht näher definierte Spuren waren im Trinkwasser nachgewiesen worden. Ein Prozess droht, der vielleicht sogar das Aus der Firma bedeuten könnte. Das mögliche Scheitern seines Lebenswerks löst bei ihm einen tödlichen Herzinfarkt aus. Antal kommt zu spät, um seinem Vater beizustehen.

Ein Scheiternder ist auch der Institutsleiter Cherascu. Getrieben von maßlosem Ehrgeiz nutzt dieser jede Gelegenheit, um sich selbst ins grellste Rampenlicht zu stellen. Gestohlene Ergebnisse sind die Grundlage, seine Mitarbeiter eine von ihm kontrollierte und kommandierte Sklavenkompanie, die ausreichend Daten für seinen Weg auf den Olymp der Wissenschaft liefern soll. Für kurze Zeit gelingt ihm auch der Aufstieg zum Star: er landet auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen, wird sogar als möglicher Anwärter auf den Nobelpreis gehandelt. Cherascu ist das Porträt eines Charakters, der leider auch heute noch anzutreffen ist, wie ihn auch Gottfried Schatz selbst kennengelernt hat. Schatz lässt ihn nicht ungestraft davonkommen: er lässt Cherascu plötzlich zusammenbrechen und an einer damals rätselhaften, neuen Krankheit – AIDS – schnell zugrundegehen. Offensichtlich hat Cherascu noch einen Postdoc aus Südkorea, den Sohn eines mächtigen Großindustriellen, angesteckt, der kurz darauf an derselben Krankheit stirbt.

Antals Suche nach dem „Wer bin ich?“

beginnt vorerst mit der Frage nach seiner Herkunft. Sein Vater – offensichtlich unfähig darüber zu sprechen – hat in einem langen Brief ausführlich über die Familiengeschichte berichtet, die ihn als einen zwischen zwei Welten Zerrissenen ausweist. Sein eigenes bitteres Erkennen: „Ich hatte die Intelligenz und den Fleiß für einen erfolgreichen Chemiefabrikanten, aber nicht den Mut für einen echten Wissenschaftler“ verbindet er mit der Hoffnung, dass Antal herausfinden möge „ob er den Mut dazu hat, ob Wissenschaft für ihn das Richtige wäre“. Antal, dem bis jetzt immer alles leicht, zu leicht gefallen ist, wird im Laufe der Handlung zunehmend mit Problemen konfrontiert, die ihn erkennen lassen, dass auch ihm dieser Mut fehlt, dass er unsicher und ängstlich ist. Leitmotivisch für seine Unsicherheit und Angst stehen Ohrensausen (Tinnitus) und starkes Pochen im Kopf. Der Griff zur Whiskyflasche betäubt nur kurzfristig.
Der indische Postdoc Haresh hat dagegen erkannt, worauf es für einen Forscher ankommt und führt es Antal vor Augen:

„Wir sollten uns nur Ziele setzen, von denen es kein Zurück gibt. Wenn du dir immer einen Rückweg offen hältst, wirst du bequem leben, dich aber früher oder später fragen, warum du nicht mehr aus deinem Leben gemacht hast.“

Es sind dies die Schlüsselaussagen des Buches. Haresh handelt danach, sein Weg zum erfolgreichen Forscher deutet sich an.

Für Antal beginnt aber ein Abschied von der Wissenschaft. Seine Versuche scheitern und er kann sein Projekt nicht fortsetzen, da das Institut nach Cherascus Tod eine neue Richtung einschlägt – weg von der Krebsforschung, hin zur Umweltforschung. Die Arbeit der letzten Jahre war also umsonst, er steht mit leeren Händen da. Vielleicht kann er die angeschlagene Firma seines Vaters mit einem neuen Produkt noch retten? In der Ungewissheit, wie sein Weg sich wohl weiter entwickeln werde, endet dieser plötzlich auf tragische Weise. Das Buch klingt dennoch sehr leise aus.


*Gottfried Schatz: Postdoc (2015), Herausgeber: Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Anmerkungen der Redaktion

Seinen eigenen Werdegang hat Gottfried Schatz in einer Autobiographie beschrieben, die er dem berühmten Biochemiker Efraim Racker, dem Betreuer seiner Postdoc Zeit in New York, widmete: Feuersucher. Die Jagd nach dem Geheimnis der Lebensenergie (2011). Wiley-VCH Verlag & Co KGaA.

Ein beträchtlicher Teil von Schatz's Essays ist bereits im ScienceBlog erschienen. Zwei der 36 Artikel passen zu dem Thema des Romans:

  • 27.03.2015: Universitäten – Hüterinnen unserer Zukunft
  • 06.12.2012: Stimmen der Nacht — Gedanken eines emeritierten Professors über Wissenschaft und Universitäten


  • Kommentare

    Sehr interessantes Sujet!

    Dass ein junger Wissenschaftler sich nach Abschluss eines bereits sehr langen Studiums dann noch jahrelang einem mehr oder weniger menschenfreundlichen Chef ausliefert, ist für einen Laien kaum vorstellbar. Noch weniger, dass dies für einen Hungerlohn geschieht und die Früchte der Arbeit dann meistens der Chef erntet.

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