EU-Umfrage: Der Klimawandel stellt für die EU-Bürger ein sehr ernstes Problem dar

Fr, 18.12.2015 - 06:55 — Inge Schuster

Inge SchusterIcon Politik & GesellschaftVor wenigen Tagen haben sich 195 Länder in Paris auf einen ersten rechtsverbindlichen, globalen Klimavertrag geeinigt, der die Erderwärmung eindämmen soll (Framework Convention on Climate Change [1]). Die Ziele sind sehr ehrgeizig und werden – wenn sie ernstgenommen werden – den Abschied von der fossilen Energie bedeuten und damit unsere Welt völlig verändern. Die Europäische Union hat zu dieser Übereinkunft ganz wesentlich beigetragen. Wieweit aber stehen die EU-Bürger selbst hinter einem derartigen Abkommen, welchen Stellenwert räumen sie dem Klimawandel unter den globalen Problemen ein und welche Aktivitäten setzen sie/haben sie bereits zu seiner Bekämpfung gesetzt? Eine EU-weite Umfrage zu diesem Thema hat im Frühsommer d.J. stattgefunden; die Ergebnisse sind unmittelbar vor Beginn der Klimakonferenz veröffentlicht worden und zeigen, dass die Menschen den Ernst der Situation erfasst haben und zu Klimaschutzmaßnahmen bereit sind (Special Eurobarometer 435 [2]).

Die Umfrage „Spezial Eurobarometer 435“

Im Auftrag der Europäischen Kommission wurde im Frühjahr 2015 eine Umfrage in den 28 Mitgliedsländern durchgeführt, welche die Einstellung der Bevölkerung zum Klimawandel, deren diesbezügliche Verhaltensweisen und Erwartungen für die Zukunft erkunden sollte. Es war dies nicht das erste Mal, dass die EU-Bürger rund um dieses Thema befragt wurden. Derartige Erhebungen hatten schon 2008, 2009, 2011 und 2013 stattgefunden und liefen auch jetzt nach dem bereits bewährten Muster ab. Ein Heer von Interviewern (Mitarbeiter der global arbeitenden Marktforschungsinstitution TNS opinion & social network) schwärmte aus, um in jedem Mitgliedsstaat jeweils rund 1000 Personen in ihrem Heim und in ihrer Muttersprache zu befragen. Insgesamt waren dies 27 718 Personen, die aus verschiedenen sozialen und demographischen Gruppen stammten und einen repräsentativen Querschnitt durch die jeweilige Bevölkerung eines Landes boten. In diesen persönlichen Interviews wurden dieses Mal Fragen zu vier Themenkreisen gestellt:

  1. Zur Wahrnehmung des Klimawandels: welchen Stellenwert nimmt der Klimawandel ein unter anderen globalen Problemen und als wie ernstes Problem wird er selbst gesehen?
  2. Zur Bekämpfung des Klimawandels: wer ist primär für Maßnahmen zur Bekämpfung verantwortlich und hat der Befragte selbst Schritte zur Verringerung von Treibhausgasemissionen gesetzt?
  3. Zur Einstellung hinsichtlich Bekämpfung des Klimawandels und Reduktion des Imports fossiler Brennstoffe: bringt die Bekämpfung des Klimawandels Vorteile für die Wirtschaft und können derartige Maßnahmen wirksam sein ohne, dass alle Länder der Welt sich daran beteiligen?
  4. Zu Zukunftsperspektiven: sollen Staaten Ziele für erneuerbare Energien festlegen und Energieeffizienz fördern?

Im vorliegenden Bericht soll ein allgemeiner Überblick über die Ergebnisse dieser Umfrage gegeben werden, wobei der Fokus auf Österreich und Deutschland gelegt wird. Weitere Details, auch zu den anderen EU-Staaten, sind unter [2] und [3] zu finden.

Die Ergebnisse der Umfrage

Themenkreis 1: Wie wird der Klimawandel wahrgenommen?

Der Klimawandel bleibt eine Hauptsorge der europäischen Bevölkerung: Insgesamt 91 % der Befragten betrachten den Klimawandel als ernstes Problem und 69 % als sehr ernstes Problem. Die Meinung der befragten Österreicher entspricht hier dem EU-Durchschnitt; auch in Deutschland sind es 91 %, die den Klimawandel als ernstes Problem sehen und – etwas mehr als im EU-Durchschnitt - 72 % als sehr ernstes Problem.

Vom sozial-demographischen Standpunkt aus betrachtet scheint der Bildungsgrad wenig Einfluss darauf zu haben, ob der Klimawandel als ernstes Problem gesehen wird oder nicht.

Probleme, denen die Welt aktuell gegenübersteht: welche sind die wichtigsten?

Dazu meint nahezu die Hälfte (47 %) der Europäer, dass der Klimawandel zu den größten Problemen gehört und etwa jeder Sechste (15 %), dass dieser überhaupt das Hauptproblem darstellt.

EU-weit gesehen rangiert damit der Klimawandel hinter den globalen Problemen „Armut, Hunger, Trinkwassermangel“ (30 %), „Internationaler Terrorismus“ (19 %) und „Wirtschaftliche Situation“ (16 %) an vierter Stelle (Abbildung 1).

Dieses Ranking zeigt aber starke regionale Unterschiede:

An erster Stelle steht bei den Befragten in 19 der 28 Staaten – darunter auch in Österreich und Deutschland – die Armut. In jeweils 2 Staaten nehmen der internationale Terrorismus (Malta, Tschechien) und die wirtschaftliche Situation (Zypern, Italien) die Spitzenposition ein; in drei osteuropäichen Staaten (Lettland, Estland und Polen) ist es die Angst vor bewaffneten Konflikten und in den drei nordeuropäischen Staaten Schweden, Dänemark und Finnland der Klimawandel.

In Österreich rangiert der Klimawandel – über dem EU-Durchschnitt - etwa gleichauf mit der wirtschaftlichen Situation bereits hinter der Armut (Abbildung 1).

Abbildung 1. Welches der genannten Probleme betrachten Sie als das Hauptproblem für die Menschheit? (Quelle: European Commission, Special Eurobarometer 435. Climate Change, Fact sheets in national languages- Austria [3])

Noch gravierender sehen die Deutschen den Klimawandel: 26% der Befragten sehen ihn als wichtigstes globales Problem; damit liegt er nur knapp hinter der Armut, die 28 % als Hauptproblem angaben.

Themenkreis 2: Bekämpfung des Klimawandels

Hier stand zuerst die Frage im Vordergrund:

„Wer ist innerhalb der EU für die Bekämpfung des Klimawandels verantwortlich?“ (Abbildung 2).

EU-weit wird hier die Verantwortung primär bei den nationalen Regierungen gesehen, dahinter liegen gleichauf Wirtschaft & Industrie und die Europäische Union.

In Österreich, Deutschland und einigen anderen Staaten (CZ, FI, HU, SI, LT, BG, LV) wird dagegen der Wirtschaft & Industrie die Hauptverantwortung zugeschrieben. In Österreich meinen auch wesentlich mehr Menschen als im EU-Durchschnitt, dass sich Umweltschutzorganisationen um das Problem kümmern sollten (dieser Ansicht sind auch viele osteuropäische Staaten).

Abbildung 2. „Wer ist innerhalb der EU für die Bekämpfung des Klimawandels verantwortlich? (Mehrfachnennungen möglich).“ Angaben in % der Befragten (Quelle: European Commission, Special Eurobarometer 435. Climate Change, Fact sheets in national languages- Austria [3])

Interessant erscheint: in Österreich und Deutschland wird ein hohes Maß an Eigenverantwortung angegeben (nur übertroffen von den nordeuropäischen Ländern). Wie die sozial-demographische Analyse der Antworten zeigt, beeinflussen Bildungsgrad und Alter die Bereitschaft Eigenverantwortung zu übernehmen: je früher Personen ihren Bildungsweg beendet hatten und je älter sie waren, desto geringer war ihre Bereitschaft.

Wie weit tragen Sie persönlich zum Klimaschutz bei?

Dass sie bereits persönlich Maßnahmen zum Klimaschutz getroffen hätten, gaben im EU-Durchschnitt 49 % der Befragten an. Dabei zeigten sich aber große regionale Unterschiede. Die meisten positiven Antworten- von über 70 % der Befragten - kamen aus Schweden, Slowenien und Luxemburg, die wenigsten – 19 -28 % - aus Bulgarien, Lettland, Estland und Rumänien (Abbildung 3).

Mehr als die Hälfte der Bürger in Österreich (54 %) und Deutschland (66 %) sagten, dass sie im letzten Halbjahr etwas zum Klimaschutz beigetragen hätten.

Abbildung 3.Haben Sie selbst im letzten Halbjahr Maßnahmen zum Klimaschutz getroffen? (Quelle: European Commission, Special Eurobarometer 435. Climate Change, Report [2])

Als nun aber an Hand einer Liste von Handlungen nach den konkreten Maßnahmen gefragt wurde, erwies es sich, dass im EU-Durchschnitt tatsächlich 93 % der Menschen, in Österreich und Deutschland 98 % Beiträge geleistet hatten. Diese Maßnahmen betreffen vor allem

  • die Reduktion von Abfall und Trennung zur Wiederverwertung
  • die Reduktion des Verbrauchs von Wegwerfartikeln
  • die Anschaffung energieeffizienter Haushaltsgeräte
  • die Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel
  • der Einkauf lokal produzierter Lebensmittel

Im Vergleich mit dem EU-Durchschnitt wurden nahezu alle Maßnahmen in Österreich und Deutschland bedeutend häufiger ergriffen. Abbildung 4 zeigt die Daten für Österreich, auf die Wiedergabe der sehr ähnlichen Daten für Deutschland wird verzichtet).

Abbildung 4. „Welche dieser Handlungen treffen, wenn überhaupt, auf Sie zu? (Mehrfachnennungen möglich).“ Angaben in % der Befragten. (Quelle: European Commission, Special Eurobarometer 435. Climate Change, Fact sheets in national languages- Austria [3])

Themenkreis 3: Einstellung der Europäer zur Bekämpfung des Klimawandels - wer ist verantwortlich?

Hier gibt es eine sehr positive Einstellung der EU-Bürger: die überwiegende Mehrheit in allen Staaten (im Durchschnitt 81 %, Österreich und Deutschland liegen mit 75 % und 79 % knapp darunter) stimmte zu, dass die Bekämpfung des Klimawandels und eine effizientere Energienutzung die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in der EU ankurbeln würden.

Noch beeindruckender war, dass die überwältigende Mehrheit der Befragten (im EU-Durchschnitt 93%) der Meinung war, dass die Bekämpfung des Klimawandels nur wirksam sein wird, wenn alle Länder der Welt gemeinsam handeln.

Etwas differenzierter war die Haltung zu Fragen, die den Import von fossilen Brennstoffen betrafen:

  • Kann die EU wirtschaftlich profitieren, wenn weniger fossile Brennstoffe von außerhalb der EU importiert werden? Dies bejahten im EU-Durchschnitt zwar 55 % (in Österreich 70 %, in Deutschland 63 %), allerdings verneinten dies 30 % der Holländer und 28 % der Schweden.
  • Kann die Sicherheit der Energieversorgung in der EU erhöht werden, wenn weniger fossile Brennstoffe von außerhalb der EU importiert werden? Hier liegt die durchschnittliche Zustimmung bei 65 % (Österreich 74 %, Deutschland 65 %), in Estland, Holland und Lettland unter 50 %.

Themenkreis 4: Ausblick in die Zukunft

Festlegung von Zielen für erneuerbare Energien

Hier herrscht ein weitgehender Konsens in allen EU-Staaten: die große Mehrheit der Befragten – 91 % - hält es außerdem für wichtig, dass ihre Regierung Ziele festlegt, um den Anteil der Nutzung erneuerbarer Energien wie beispielsweise Wind- und Solarenergie zu erhöhen. Abbildung 5.

Abbildung 5. Wie wichtig ist es Ihrer Ansicht nach, dass die Nationale Regierung Ziele festlegt, um die Nutzung erneuerbarer Energien wie beispielsweise Wind- und Solarenergie zu erhöhen? Quelle: European Commission, Special Eurobarometer 435. Climate Change, Report [2])

Verbesserung der Energieeffizienz

Auch zu der Frage ob es wichtig ist, dass die Nationale Regierung die Verbesserung der Energieeffizienz bis 2030 unterstützt - z.B, durch Förderung der Wärmedämmung von Wohngebäuden oder des Kaufs von Energiesparlampen – herrschte weitestgehende Zustimmung (EU-Durchschnitt 92 %; Österreich 86 %, Deutschland 90 %)

Fazit

  • Die Europäer betrachten den Klimawandel als eines der ernstesten Probleme mit denen die Menschheit konfrontiert ist, aber auch als eine große Herausforderung.
  • Sie meinen, dass der Kampf gegen den Klimawandel und eine effizientere Energienutzung zu einem Aufschwung der Wirtschaft und zur Schaffung neuer Jobs führen wird.
  • Ebenso wird eine Reduktion der Importe fossiler Brennstoffe die Wirtschaft beleben und die Sicherung der Energieversorgung erhöhen.
  • Die Bekämpfung des Klimawandels wird aber nur dann wirksam sein, wenn alle Länder der Welt gemeinsam handeln. Allerdings kann jeder dazu persönlich beitragen und der Großteil der Europäer hat auch schon diesbezügliche Maßnahmen gesetzt.

Der eben in Paris erwirkte, erste globale Klimavertrag ist auf der Basis erdrückender wissenschaftlicher Erkenntnisse entstanden. Die Wissenschaft konnte die Politik überzeugen und offensichtlich auch Europas Einwohner. Die gegenwärtige EU-Umfrage zeigt, dass das Vertragswerk auch im Sinne der Ansichten unserer Bevölkerung ist.


[1] Adoption of the Paris Agreement. Proposal by the President (12.12.2015). FCCC/CP/2015/L.9/Rev.1 http://unfccc.int/documentation/documents/advanced_search/items/6911.php...

[2] Special Eurobarometer 435. Climate Change (Fieldwork May – June 2015, published: 26. 11.2015) Report http://ec.europa.eu/COMMFrontOffice/PublicOpinion/index.cfm/Survey/getSu...

[3] Special Eurobarometer 435. Climate Change, Factsheets in national languages http://ec.europa.eu/COMMFrontOffice/PublicOpinion/index.cfm/Survey/getSu...



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