Die großen globalen Probleme der Menschheit: das weltberühmte Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) erarbeitet Lösungsansätze

Fr, 10.07.2015 - 11:28 — IIASA

IIASA LogoÖsterreich ist Sitz zahlreicher bedeutender, internationaler Organisationen, deren abgekürzte Bezeichnungen – u.a. UNO, IAEO, OPEC, OSZ E – und jeweilige Aufgaben jedermann in unserem Land (zumindest oberflächlich) bekannt sind. Für das seit bereits mehr als 40 Jahren bestehende, im Schloss Laxenburg angesiedelte, Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) ist dies nicht der Fall. Der folgende Artikel gibt einen Überblick über das IIASA und seine fundamentale Rolle in der Erarbeitung von Lösungsansätzen zu den großen globalen Problemen rund um Energie, Klimawandel, Ernährung, Wasser und Armut. Die Texte stammen von der Website der IIASA [1], die freundlicherweise einer Veröffentlichung in unserem Blog zugestimmt hat.

Das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA)

Das IIASA wurde im Jahre 1972 gegründet und ist ein internationales Forschungsinstitut, das politisch relevante Forschung in Problembereichen durchführt, die zu umfangreich oder zu komplex sind, um von einem einzelnen Land oder von einer einzigen Disziplin bewältigt zu werden. Dies sind Probleme, wie z.B. der Klimawandel, die eine globale Reichweite haben und nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden können, oder Probleme, die viele Länder betreffen, und sowohl auf nationalem als auch auf internationalem Niveau in Angriff genommen werden müssen, wie z.B. Energiesicherheit, Bevölkerungsalterung, oder nachhaltige Entwicklung. Finanziert von wissenschaftlichen Institutionen in Nord- und Südamerika, Europa, Asien, Ozeanien und Afrika, ist das IIASA eine unabhängige Institution — völlig frei von politischen oder nationalen Interessen. Die Aufgabe des IIASA besteht darin

mit Hilfe der angewandten Systemanalyse Lösungen für globale und universelle Probleme zum Wohl der Menschen, der Gesellschaft und der Umwelt zu finden, und die daraus resultierenden Erkenntnisse und Richtlinien den politischen Entscheidungsträgern weltweit zur Verfügung zu stellen [2].

Wie kam es zur Gründung des IIASA?

Der erste Direktor des IIASA erinnert sich [3]:

1966 hielt der amerikanische Präsident Lyndon Johnson eine äußerst bemerkenswerte Rede. Er sagte, es wäre an der Zeit, dass Wissenschafter der Vereinigten Staaten und Russlands zusammenarbeiteten und zwar an anderen Problemen als Militär- und Raumfahrt- Fragen, nämlich an Problemen die alle hochentwickelten Gesellschaften belasten wie Fragen über Energie, unsere Meere, Umwelt und Gesundheit. Und er rief zu einem Zusammenschluss von Wissenschaftern aus Ost und West auf.

Johnson beauftragte seinen (und vorher auch J.F. Kennedy’s) Berater McGeorge Bundy, dieses Vorhaben umzusetzen. Bundy traf sich mit Jermen Gvishiani, dem stellvertretenden russischen Minister für Wissenschaft und Technologie, und war von der Reaktion begeistert. Bundy und Gvishiani erkannten, eine derartige Institution wäre nur dann auf Dauer stabil, wenn sie nicht von Regierungen finanziert und multilateral sein würde. Am ersten Planungstreffen in Sussex (UK) sollten auch England, Italien Frankreich und aus dem Ostblock Polen, die Deutsche Demokratische Republik und Bulgarien teilnehmen. Bemerkenswert daran: diese Verhandlungen spielten sich mitten im kalten Krieg ab, in der Zeit des Vietnamkriegs und des Aufstands in der Tschechoslowakei.

Wie Österreich zum Sitz des IIASA bestimmt wurde [3]

Ursprünglich dachten wir das IIASA in Großbritannien zu errichten. Als am Beginn der 1970er Jahre an die hundert sowjetische Diplomaten aus England ausgewiesen wurden, erkalteten die Beziehungen zwischen den beiden Staaten und als Alternative wurde das ehemalige Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Fontainebleau ins Auge gefasst. Dies war ein großartiger Platz; massenhaft historische Räume und Wandteppiche. Als wir aber fragten: „Können wir Tafeln aufstellen, Computer installieren, eine Bibliothek errichten?“ war die Antwort „Nein. Ihr müsst alles so lassen, wie es ist.“
Wir entschlossen uns nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Österreich bot das baufällige Schloss Laxenburg (Abbildung 1) an, Einladungen kamen auch aus Italien, Holland und der Schweiz.

IIASA – Laxenburg (bei Wien)Abbildung 1. Das Internationale Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) ist im sogenannten Blauen Hof des Schlosses Laxenburg, einer bis ins 14. Jh. zurückdatierenden Anlage (etwa 15 Kilometer südlich von Wien), untergebracht. Ds Schloss diente über lange Zeit als Frühlingsresidenz der Habsburger. (Bild: https://www.flickr.com/photos/iiasa/sets/72157648154449307)

Österreich war zweifellos die richtige Wahl, passte phantastisch als Symbol. Die Renovierung von Schloss Laxenburg dauerte zwar bis 1975, wir hatten aber schon 1973 den Großteil der Gemächer bezogen. 1975 gab es bereits eine Ansammlung sprudelnder Talente, die an Fragen zu Energie, Ökologie, Wasservorräte und Methodenentwicklung arbeiteten.

Das IIASA heute

Über 300 Mathematiker, Geisteswissenschaftler, Naturwissenschaftler, Wirtschaftler und Technologen aus mehr als 45 Ländern forschen am IIASA in Laxenburg bei Wien, im Herzen Europas. Hier arbeiten sowohl weltbekannte Wissenschaftler — vier Nobelpreisträger waren am IIASA tätig — wie auch junge Wissenschaftler am Anfang ihrer Karriere. Außerdem bezieht das IIASA aus seinem weltweiten Netz von ca. 2500 externen Forschern in 65 Ländern lokale und regionale Daten, die in seine hochentwickelten wissenschaftlichen Modelle integriert werden. Durch diese wissenschaftliche Zusammenarbeit stellt das IIASA auch Verbindungen zwischen den einzelnen Ländern her.

Das IIASA hat 3475 ehemalige Mitarbeiter in über 90 Ländern, unter ihnen führende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Privatwirtschaft. Seit 1977 nahmen 1772 junge Wissenschaftler aus 84 Ländern am Sommerprogramm für junge Wissenschaftler (Young Scientists Summer Program, YSSP) des IIASA teil.

Das Jahresbudget

betrug im Jahr 2014 €19,4 Millionen, die zu 56% aus renommierten wissenschaftlichen Institutionen, nämlich den nationalen Mitgliedsorganisationen des IIASA (NMOs) in 22 Ländern in Nord- und Südamerika, Asien, Europa, Ozeanien und Afrika stammen. Weitere Mittel stammen aus Verträgen und Subventionen. Zwischen 2006 und 2014 wurden der Forschung des IIASA Subventionen in der Höhe von €69 Millionen gewährt. Dies war ein Teil des Gesamtfinanzierungsaufkommens von €329 Millionen für die externen Projekte, an denen das IIASA in Zusammenarbeit mit seinen Mitgliedsländern beteiligt ist.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

2014war das erfolgreichste Jahr des IIASA. IIASA Wissenschaftler publizierten nahezu 250 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften und die Forschung des IIASA wurde über 9100 Mal zitiert (Quelle: SCOPUS).

Die Aufgabe

des IIASA besteht darin, mit Hilfe der angewandten Systemanalyse Lösungen für globale und universelle Probleme zum Wohl der Menschen, der Gesellschaft und der Umwelt zu finden, und die daraus resultierenden Erkenntnisse und Richtlinien den politischen Entscheidungsträgern weltweit zur Verfügung zu stellen. Systemanalytische Ansätze werden dazu verwendet, komplexe Systeme — wie z.B. Klimawandel, Energieversorgung, Landwirtschaft, Atmosphäre, Risiko- und Bevölkerungsdynamik — unter besonderer Beachtung ihrer Wechselwirkungen zu erforschen.

Das IIASA blickt auf eine lange und erfolgreiche Geschichte bei der Entwicklung von systembezogenen integrierten Lösungen und politischen Richtlinien für die dringendsten Probleme der Welt, wie Energieressourcen, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsdemographie, Landnutzung und nachhaltige Entwicklung, Risiko- und Belastbarkeit zurück. Das IIASA ist sowohl ein internationales Institut — mit aktiver Zusammenarbeit in über 60 Ländern — wie auch ein unabhängiges Institut, das von seinen nationalen Mitgliedsorganisationen (NMOs) in 23 Ländern, die über 60% der globalen Bevölkerung ausmachen, geleitet und großteils finanziert wird.

Der strategische Schwerpunkt

der Forschung des IIASA liegt im Wesentlichen auf drei Gebieten (Abbildung 2):

Forschung im IIASAAbbildung 2. Forschung im IIASA: die drei Gebiete sind komplex und wechselwirken auch miteinander (Abbildung aus [2] adaptiert)

  • Energie und Klimawandel: untersucht die Wechselwirkungen zwischen Energieerzeugung, Treibhausgasemissionen, Luftverschmutzung, Klimawandel, und die Anwendung und Verbreitung neuer Technologien.
  • Ernährung und Wasserversorgung: ist unter Einbeziehung eines weiten Spektrums von Disziplinen — von der Biologie bis zur Geowissenschaft — darauf ausgerichtet, ein Gleichgewicht zwischen der Erhaltung der Biodiversität und den Erfordernissen der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelversorgung herzustellen.
  • Armut und Verteilungsgerechtigkeit: analysiert die menschliche Komponente der Entwicklung, und zwar von der bestmöglichen Anpassung der Bevölkerung der armen Länder der Welt an die Auswirkungen des Klimawandels bis zu den Auswirkungen der Bevölkerungsalterung auf die Bevölkerung der entwickelten Länder.

Die Forschung in diesen drei globalen Problembereichen wird gestützt durch die Erforschung der zentralen Triebkräfte des Wandels, der in unserer Welt stattfindet, und zwar Bevölkerung, Technologie und Wirtschaftswachstum.

Die Forschung des IIASA entspricht den höchsten internationalen wissenschaftlichen Standards, sie ist politisch relevant und auf die Erstellung robuster Lösungen für die politische Entscheidungsfindung auf der internationalen, nationalen und regionalen Ebene ausgerichtet.

Die am IIASA seit seiner Gründung im Jahr 1972 angewandte Methodologie ist die fortgeschrittene Systemanalyse. Sowohl die Methodologie als auch die Daten werden am IIASA laufend aktualisiert und verfeinert, um den neuen Forschungserfordernissen gerecht zu werden.

Die größte Stärke des IIASA liegt darin, dass seine multidisziplinären Forschung problemgesteuert und lösungsorientiert ist, und auf der Grundlage von wissenschaftlicher Exzellenz und politischer Relevanz betrieben wird.

Der Jahresbericht des IIASA gibt einen Überblick über die jüngsten Forschungshöhepunkte in diesen wesentlichen Forschungsbereichen.


[1] Website der IIASA, der Artikel im ScienceBlog enthält Abschnitte aus:

[2] Das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) im Überblick (PDF-Download)

[3] The founding of the Institute - IIASA's first director Howard Raiffa on the negotiations that led to IIASA's creation (die Übersetzung aus dem Englischen erfolgte durch die Redaktion).


Weiterführende Links

Towards a sustainable future. Video 6:10 min. http://www.iiasa.ac.at/web/home/resources/multimedia/Featured-Video-8-Ap...

Interview mit Pavel Kabat, IIASA Director/Chief Executive Officer (2012-present): Pavel talks about IIASA activities and plans for the future. Video 35:17 min. Veröffentlicht am 30.07.2013



Kommentare

Ich bin im Rahmen eines

Ich bin im Rahmen eines Forschungsprojektes ab und zu im IIASA in Laxenburg. Als Arbeitsumgebung ist das Schloss imposant. Wer hat schon die Gelegenheit, in dem Gebäude zu arbeiten, wo Franzl und Sissi ihre Flitterwochen verbracht haben? Als externer Mitarbeiter habe ich bisher nur einen kleinen Einblick in einem der vielen Departments gewonnen (Evolution and Ecology). Was aber gleich auffällt: Die Forschungsthemen die im IIASA behandelt werden, sind tatsächlich extrem vielseitig und spannend. Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler aller Disziplinen arbeiten in Arbeitsgruppen direkt zusammen - so viel Tans- und Interdisziplinarität kenne ich von der Uni nicht. Schon beeindruckend. Leider ist Laxenburg halt doch etwas ab vom Schuss (aus Wiener Sicht) und mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwas mühsam zu erreichen. Ich hab auch das Gefühl, dass sich die wissenschaftliche Exzellenz an dieser einzigartigen Einrichtung noch nicht überall herumgesprochen hat. Umso wertvoller ist dieses Portrait. Vielen Dank!

Hallo,das IIASA ist wirklich

Hallo,
das IIASA ist wirklich eine großartige Forschungsstätte bei grandioser Kulisse mit dem Schloss als Background!

Papierfabrik

Ich glaube es nicht, dass die IIASA mal darauf kommen und vorschlagen könnte, dass die Wegwerf-Gesellschaft verboten gehört.
Es ist sicher interessant dort zu Arbeiten, die Probleme der Menschheit können aber nur durch die eigene Vertretung der Massen gelöst werden. Die Interessen der globalistischen Macht bestimmen heute, was geschehen darf und was nicht.
Das muss geändert werden, wenn die Menschheit längerfristig überleben will.

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