Eurobarometer: Österreich gegenüber Wissenschaft*, Forschung und Innovation ignorant und misstrauisch

Fr, 02.01.2015 - 08:49 — Inge Schuster

Inge SchusterIcon Politik & GesellschaftVor wenigen Wochen ist das Ergebnis einer neuen, von der Europäischen Kommission beauftragten Umfrage zur „öffentlichen Wahrnehmung von Naturwissenschaften, Forschung und Innovation“ erschienen (Special Eurobarometer 419 [1,2]). Speziell ging es darum herauszufinden, welche Auswirkungen die EU-Bürger von diesen Gebieten auf wesentliche Themen des Lebens und der Gesellschaft für die nahe Zukunft erwarteten. Österreicher sahen wesentlich weniger positive Auswirkungen als die Bürger der meisten anderen EU-Staaten. Wie auch in früheren Umfragen, ist Österreichs Einstellung zu Naturwissenschaften in hohem Maße von Ignoranz und – darauf basierend – Misstrauen und Ablehnung geprägt.

“Von jeher hat die Europäische Kommission Wissenschaft und Innovation als prioritäre Schlüsselstrategien betrachtet, die Lösungen für die wichtigsten, jeden Europäer betreffenden Fragen liefern können: es sind dies Fragen der Gesundheit, der Beschäftigung und damit Fragen der gesamten Gesellschaft und der Wirtschaft. …Die Zukunft Europas ist die Wissenschaft!“ (Jose M. Barroso, 6. Oktober 2014)

Bereits zwei ScienceBlog Artikel waren EU-weiten Umfragen gewidmet, welche die Einstellung der Bürger zu Wissenschaft und Technologie zum Thema hatten [3, 4]. Diese Umfragen gaben ein für Österreich beschämendes Bild wider: die Mehrheit unserer Landsleute hatte angegeben, nichts über Wissenschaft und Technologie auf dem Bildungsweg gehört zu haben und an diesen Wissenszweigen auch weder interessiert, noch darüber informiert zu sein. Die Frage, ob Kenntnisse über Wissenschaft und Forschung für das tägliche Leben von Bedeutung wären, verneinte der Großteil - 57 % - der Österreicher (im EU-27-Mittel waren es 33 %) – unser Land nahm damit den letzten Rang unter den EU-Staaten ein.

Im Lichte der bereits bekannten Einstellung der Österreicher zu Wissenschaft und Technologie ist das im Oktober im „Special Eurobarometer 419“ veröffentlichte Ergebnis der neuen EU-Umfrage zwar nicht verwunderlich, dennoch aber im höchsten Maße bestürzend.

Die Umfrage „Special Eurobarometer 419“

Im Juni 2014 waren unter dem Titel „Öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft, Forschung und Innovation” rund 28 000 Personen in den 28 EU-Staaten befragt worden, welche Auswirkungen ihrer Meinung nach Wissenschaft und Technologie auf wesentliche Aspekte des Lebens in den kommenden 15 Jahren haben werden.

Es waren dies persönliche (face to face) Interviews, in denen in jedem Mitgliedsstaat jeweils rund 1000 Personen aus verschiedenen sozialen und demographischen Gruppen in ihrem Heim und in ihrer Muttersprache befragt wurden:

  1. Einleitend wurde der jeweilige persönliche Bildungsstatus in den Naturwissenschaften festgestellt.
  2. Dann wurde eine Liste von wesentlichen, jeden Europäer betreffenden Themen vorgelegt und gebeten diese nach Prioritäten zu reihen, nach welchen Wissenschaft und Technologie in den nächsten 15 Jahren zum Einsatz kommen sollten (incl. Bereitstellung ausreichender Ressourcen). Diese Liste nannte (in der Reihenfolge des Berichts aufgezählt) folgende Themen:
    • Den Kampf gegen den Klimawandel
    • Den Schutz der Umwelt
    • Die Sicherheit der Bürger
    • Die Schaffung von Arbeitsplätzen
    • Die Energieversorgung
    • Die Gesundheit(ssysteme)
    • Den Schutz persönlicher Daten
    • Die Verringerung der sozialen Ungleichheit
    • Die Anpassung an eine alternde Bevölkerung
    • Die Verfügbarkeit und Qualität von Lebensmitteln
    • Die Transportinfrastruktur
    • Die Bildung und den Erwerb von Fähigkeiten
    • Die Qualität des Wohnens
  3. Sodann folgte das eigentliche Kernstück der Umfrage: eine detaillierte Erhebung zu den voraussichtlichen Auswirkungen von Wissenschaft und technologischen Innovationen auf die angeführten 13 Problemkreise. Im Vergleich dazu sollten die jeweiligen Auswirkungen menschlichen Handelns abgeschätzt werden.

Frage 1: Der naturwissenschaftliche Bildungsstatus

Während in 20 EU-Ländern die (überwiegende) Mehrheit der Befragten angab Wissenschaft und Technologie als Schulfächer und/oder als Studienfächer auf (Fach)Hochschulen gehabt zu haben und/oder darin anderswo Erfahrung gesammelt zu haben, waren dies in Österreich nur 35 % (im EU-28 Mittel dagegen 56 %). Österreich liegt damit am unteren Ende der Skala, nur Slowenien, Tschechien und die Slowakei weisen einen noch niedrigeren Bildungsstatus auf.

Wie niedrig Österreichs naturwissenschaftlich/technologischer Bildungsstatus im Vergleich mit dem EU-28 Durchschnitt und Ländern wie Schweden ausfällt, ist in Abbildung 1 dargestellt. Schweden erscheint als passendes Beispiel, weil es mit 41 188 $ BIP/Einwohner ein ähnliches BIP wie Österreich - 42 597 $ BIP/Einwohner - auf weist (beide Zahlen sind kaufkraftbereinigte Schätzungen des IWF, Stand 04.2014 [5]) und - auf den gesamten Bildungsweg (Primär- bis Tertiärausbildung) bezogen - jährlich auch ähnliche Summen pro Auszubildenden ausgibt (AT: 11 395 €, SE: 11 000 €: Zahlen OECD 2014 [6]).

Angesichts des eklatant niedrigen naturwissenschaftlichen Bildungsstatus der Österreicher erscheint die Frage nur zu berechtigt:

Wofür werden die hohen Bildungsausgaben bei uns eigentlich verwendet?

Abbildung 1. Antworten auf die Frage: Haben Sie Erfahrungen zu Wissenschaft und Technologie an der Schule, (Fach)Hochschulen oder anderswo gesammelt? (Mehrfachnennungen waren möglich; Daten: Tabelle QB4 [1].)

Frage 2: Wo sollen Wissenschaft und Technologie in den nächsten 15 Jahren prioritär eigesetzt werden?

Im Bewusstsein, dass Forschung und Innovation unabdingbar sind, um viele Probleme unserer Gesellschaft zu lösen, hat die EU das Programm „Horizon 2020“ ins Leben gerufen und mit 80 Milliarden € dotiert. Um herauszufinden welche Themen den EU-Bürgern besonders wichtig erscheinen und damit vorrangig den Einsatz von Wissenschaft und Technologie (und entsprechenden Ressourcen) rechtfertigen, wurde gebeten primär die oben genannten 13 Themenkreise nach Prioritäten zu ordnen.

Hier herrschte weitgehende Einigkeit unter den EU-Staaten: gleichviele Staaten – darunter auch Österreich - nannten Gesundheit/Gesundheitssysteme und Schaffung von Arbeitsplätzen als oberste Prioritäten, die niedrigsten Prioritäten wurden für den Schutz persönlicher Daten, Transport(infrastruktur) und die Qualität des Wohnens genannt.

Frage 3: Welche Auswirkungen werden Wissenschaft, Forschung und Innovation in den nächsten 15 Jahren voraussichtlich haben?

Der Großteil der europäischen Bevölkerung (im EU-28 Durchschnitt mindestens 50 % der Bevölkerung) zeigte sich davon überzeugt, dass Wissenschaft und technologische Innovationen positive Auswirkungen auf Themen wie Gesundheit/Gesundheitssyteme, Bildung/Erwerbung von Fähigkeiten, Transport(infrastruktur), Energieversorgung, Umweltschutz, Kampf gegen den Klimawandel und die Qualität des Wohnens haben werden (Abbildung 2). Auch bei den anderen Themen dominierten die Befürworter über die Kritiker, die negative Einflüsse befürchteten (nicht gezeigt). Wurden die voraussichtlichen Auswirkungen von menschlichem Handeln mit den von Forschung und Innovation erwarteten verglichen, so gab die Mehrheit bei nahezu allen Themen der Wissenschaft den Vorzug (Ausnahme „Verringerung der Ungleichheit“).

Besonders großes Vertrauen in die Wissenschaft setzten die skandinavischen Länder. Als Beispiel ist wieder (wie auch schon beim Bildungsstatus) Schweden gezeigt – hier werden kaum negative Effekte der Wissenschaft erwartet.

Ganz anders sieht die Situation in Österreich aus. Nur in 2 Gebieten – Gesundheit und Energieversorgung – erwartet die Mehrheit unserer Landsleute Verbesserungen durch die Wissenschaft. Aber auch hier, wie in allen anderen Fragestellungen, liegen die positiven Erwartungen unter denen des EU-28 Durchschnitts; bei 10 der 13 Themen nimmt unser Land überhaupt nur den vorletzten oder letzten Rang unter den EU-Staaten ein (in Italien ist dies bei 8 von 13 Themen, in Deutschland bei 5 von 13 Themen der Fall).

Abbildung2. Werden Wissenschaft, Forschung und technologische Innovation positive Auswirkungen auf wesentliche Themen des Lebens und der Gesellschaft haben? Österreich im Vergleich mit dem EU-28 Durchschnitt und Schweden. Die Themen sind in der Reihenfolge angegeben, wie sie in [1] aufscheinen. Am linken Rand: Österreichs Rang unter den 28 EU-Ländern im ranking der positiven Bewertungen.

Zwei Einstellungen, die ich persönlich als höchst beunruhigend für die weitere Entwicklung unseres Landes sehe, sind in Abbildung 3 dargestellt:

Abbildung 3. Antworten auf die Fragen: Welche Auswirkungen werden Wissenschaft und technologische Innovation haben auf die A) Schaffung neuer Arbeitsplätze (oben), B) Anpassung der Gesellschaft an eine alternde Bevölkerung (unten).
  • Nur rund 1/3 unserer Landsleute meint, dass Forschung und Innovationen neue Arbeitsplätze schaffen können, 30 % sehen keinen Effekt und rund ¼ ist sogar vom Gegenteil überzeugt (Abbildung 3a).
  • Ein noch geringerer Anteil (29 %) der Bevölkerung denkt, dass Wissenschaft die Anpassung an die alternde Gesellschaft unterstützen kann, mehr als doppelt so viele sehen keinen Nutzen oder sogar einen Schaden durch die Wissenschaft (Abbildung 3b).

Ein Cocktail von Ignoranz - und darauf basierend - Misstrauen und Ablehnung

Wie auch schon in früheren EU-weiten Umfragen hinsichtlich der Einstellung zu Wissenschaft und Technologie, zeigt sich Österreich auch in der aktuellen Studie von einer sehr negativen Seite. Unser Land ist Schlusslicht, wenn es darum geht positive Auswirkungen von naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritten auf die wesentlichsten Fragen des täglichen Lebens und der Gesellschaft wahrzunehmen und für die Zukunft nutzen zu wollen.

Ist Österreich Haltung hier bloß kritischer als die anderer EU-Länder, die einfach nur „wissenschaftsgläubiger“ sind?

Allerdings, um in seriöser Weise Kritik üben zu können, bedarf es zumindest eines Minimums an naturwissenschaftlicher Bildung. In unserem Land geben 2/3 der Bevölkerung an, dass ihnen diese Grundvoraussetzung fehlt. Welche Einstellung zu den Naturwissenschaften kann aber resultieren, wenn unsere Landsleute diesbezügliche Informationen von den Medien des Landes beziehen? Wenn dort Naturwissenschaften nur dann in den Topmeldungen Platz finden, wenn sie – mehr oder weniger berechtigt – in Verbindung zu möglichst negativen Folgen gebracht werden können. Wenn, wie beispielsweise in jüngster Zeit, aus temporär relativ schwach erhöhten Konzentrationen des ubiquitären Umweltgifts Hexachlorbenzol die Angst der Bevölkerung in unvertretbarem Ausmaß geschürt wird. Wenn dann mangels ausreichenden Verständnisses des Problems (und wahrscheinlich auch ohne entsprechende Recherche), ohne Rücksicht auf die Folgen, die Existenz der Bewohner eines großen Einzugsbereichs gefährdet wird? Wenn einzelne Organisationen ihre Popularität durch derartige Panikmache – Hurra, ein neuer Skandal - erfolgreich erhöhen können?

Die Ergebnisse der aktuellen Eurobarometer Studie zeigen ein erschütterndes Bild für Österreich: puncto Wissenschaft ist unser Land abgesandelt. Ignoranz herrscht vor: auf dieser Grundlage wird dem Unverstandenen mit Misstrauen begegnet, das Unbekannte abgelehnt.

Nahezu überall in der EU wird Wissenschaft positiver gesehen als bei uns. Die berechtigte Meinung, dass Forschung und Innovation Schlüsselstrategien für die Schaffung neuer Anwendungsgebiete und damit auch Arbeitsplätze sind, wird hoffentlich nicht dazu führen, dass ein Großteil unserer talentiertesten Wissenschafter in die Länder aufbricht, wo ihre Fähigkeiten erwünschter sind als bei uns.

Wünsche für die Zukunft

Mit dem Beginn eines neuen Jahres ist es üblich Wünsche zu formulieren. Diese wären

in Hinblick auf die Zukunftsoptionen unseres Landes:

  • Es wäre höchste Zeit den Stellenwert der Naturwissenschaften zu erhöhen! Es muss sowohl die Ausbildung der Jugend in diesen Fächern entscheidend verbessert werden, als auch eine seriöse, gut recherchierte Information der Erwachsenen durch die Medien gewährleistet sein.

in Hinblick auf Initiativen, die mithelfen können, Wissenschaft populär zu machen:

  • Eine Reihe solcher Initiativen existiert bereits: u.a. „Die lange Nacht der Forschung“, die Kinder-Uni, Sparkling Science, das Science Center Netzwerk [7]. Weiters finden Veranstaltungen beispielsweise auf dem umgebauten Frachtschiff „MS Wissenschaft“ statt, das durch die deutschsprachigen Länder tourt [8] oder in Form von TEDx-Events, die große Theatersäle füllen und deren Vorträge auf Videos frei verfügbar ins Netz gestellt werden. Seit 3 ½ Jahren gibt es auch unseren ScienceBlog.

    Zurzeit marschieren alle diese Initiativen getrennt, um von unterschiedlichen Gesichtspunkten ausgehend mit verschiedenen Strategien dieselben oder zumindest sehr ähnliche Ziele zu erreichen. Ein vorübergehendes Zusammenwirken dieser Initiativen könnte deren Schlagkraft enorm vergrößern!

Mit dem Blick auf die Zukunft wünschen wir also, dass 2015 ein gutes Jahr für ein neues Verständnis der Wissenschaft wird.

Unseren Lesern wünschen wir, dass sie in ihrem persönlichen Leben und in ihrem Umfeld möglichst viel von den positiven Fortschritten der Wissenschaft erfahren.


*Unter Wissenschaft sind hier – dem englischen Begriff „science“ entsprechend – ausnahmslos die Naturwissenschaften gemeint.
[1] Special Eurobarometer 419 “Public Perceptions of Science, Research and Innovation” (6.10.2014) http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_419_en.pdf

[2] Special Eurobarometer 419, Summary http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_419_sum_en.pdf

[3] Josef Seethaler & Helmut Denk
(18.10. 2013) Wissenschaftskommunikation in Österreich und die Rolle der Medien — Teil 1: Eine Bestandsaufnahme und
(1.11.2013)http://scienceblog.at/wissenschaftskommunikation-österreich-und-die-rolle-der-medien-%E2%80%94-teil-2-was-sollte-verändert-werden#.

[4] Inge Schuster (28.2.2014) Was hält Österreich von Wissenschaft und Technologie? — Ergebnisse der neuen EU-Umfrage (Spezial Eurobarometer 401).

[5] OECD: Education at a Glance 2014: http://www.oecd.org/edu/Education-at-a-Glance-2014.pdf

[6] IMF, Data and Statistics (2013) https://www.imf.org/external/

[7] APA-Dossier: Forsche und sprich darüber http://science.apa.at/dossier/Forsche_und_sprich_darueber/SCI_20140227_S...

[8] Inge Schuster (19.9.2014): Open Science – Ein Abend auf der MS Wissenschaft

[9] Inge Schuster (19.9.2014): TEDxVienna 2014: „Brave New Space“ Ein Schritt näher zur selbst-gesteuerten Evolution?


Weiterführende Links

Spezial- Eurobarometer 401 „Verantwortliche Forschung und Innovation, Wissenschaft und Technologie; November 2013 (223 p.) http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_401_de.pdf

Spezial-Eurobarometer 340 „Wissenschaft und Technik“; Juni 2010 (175 p.) http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_340_de.pdf
Spezial Eurobarometer 282 “Scientific research in the media”; Dezember 2007 (119 p.) http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_282_en.pdf

Artikel mit verwandter Thematik im ScienceBlog

Gottfried Schatz

(14.02.2013): Gefährdetes Licht — zur Wissensvermittlung in den Naturwissenschaften

(06.12.2012): Stimmen der Nacht — Gedanken eines emeritierten Professors über Wissenschaft und Universitäten

(24.10.2014): Das Zeitalter der “Big Science”

Ralph J. Cicerone (14.03.2014): Aktivitäten für ein verbessertes Verständnis und einen erhöhten Stellenwert der Wissenschaft



Kommentare

Erstaunt oder überrascht?

Prosit Neujahr!

Es kennt wohl hier jeder Leser den Kalauer über die richtigstellende Antwort des von seiner Gattin beim Ehebruch ertappten Germanisten auf deren entsetzten Ausruf, sie sei überrascht. "Du irrst, meine Liebe: WIR sind überrascht, Du hingegen bist ERSTAUNT."

Beim Lesen der Überschrift (Österreich sei gegenüber den Sciences ignorant und misstrauisch) bin ich wie auf Knopfdruck angesprungen. Ich war zwar nicht erstaunt und schon gar nicht überrascht. War im Land der "Krone" anderes zu erwarten?

Mein "Startle Response" wurde aber doch ausgelöst, weil ich seit Jahrzehnten eine mir fast noch wichtigere Parallelität feststelle: die Ignoranz und die Präpotenz gegenüber der Ökonomik. Ist es da etwa um den Bildungsstatus hierzulande anders bestellt? Es galt und gilt ja sogar in der "bildungsbürgerlichen" Gesellschaft mit durchaus vorhandenen gut ausgebauten Grundkenntnissen in den Naturwissenschaften fast als schick (jetzt halt "cool"), von Wirtschaft nichts zu verstehen.

Wenn, nur als Beispiel, der Präsident der (öst.) Industriellenvereinigung, der sich selbst im Herbst in einer IV-Veranstaltung übrigens als Keneysianer bezeichnet hat (!), in einem Interview für die "Presse" (Printausgabe 13.12.2014) den Wirtschaftsnobelpreisträger Hayek zu den Monetaristen rechnet, dann kann man nicht erstaunt oder überrascht sondern nur mehr erschüttert sein, welche Ignoranz selbst da möglich ist. Dass einer in dieser einflussreichen Position nicht mit nationalökonomischen Standardproblemstellungen umgehen kann, zeigte mir wieder, dass - auch in "gebildeten Kreisen" - noch nicht einmal das Problembewusstsein in wirtschaftswissenschaftlichen Fragen vorhanden ist. (Ich lasse gern den an dieser Stelle zu erwartenden Einwand gelten, dass die Wirtschaftswissenschaften eben nicht Naturwissenschaft seien, selbst wenn man - wie etwa die OECD in "FOS" - von "Social Sciences" sprechen darf. Das Einmaleins bleibt auch in der Ökonomik unbestritten, mögen die Schlussfolgerungen aus dem "Rechenergebnis" danach noch so sehr von Ideologie und Wertekatalog bestimmt sein. Das, so höre und lese ich, soll auch in den genuinen Sciences schon vorgekommen sein.)

"Die Ergebnisse der aktuellen Eurobarometer Studie zeigen ein erschütterndes Bild für Österreich: puncto Wissenschaft ist unser Land abgesandelt. Ignoranz herrscht vor: auf dieser Grundlage wird dem Unverstandenen mit Misstrauen begegnet, das Unbekannte abgelehnt."

Mit solcher Feststellung muss ich mich leider uneingeschränkt identifizieren. Ich möchte aber dazu lautstark postulieren (respektive für die Einsichtigen ins Bewusstsein rufen), dass der Zusammenhang, den Barroso gemäß dem im Artikel zitierten Ausspruch am 6.Oktober 2014 aufgezeigt hat, auch die Wirtschaftswissenschaften einschließen muss.

Es kann folglich auch nichts mit "Wissenschaft und Innovation als prioritäre Schlüsselstrategien [...] zur Lösung Fragen der Gesundheit, der Beschäftigung und damit Fragen der gesamten Gesellschaft und der Wirtschaft" anfangen, wer die Grundlagen des Wirtschaftens auf Mikro- und Makroebene nicht durchschauen kann. Für den kommt "der Strom" aus der Steckdose, selbst wenn er "ihn" stolzen Wissens physikalisch und technologisch verstanden haben sollte.

Ignoranz und die Präpotenz gegenüber der Ökonomik

Lieber LV,

danke sehr für Ihre Ergänzung!

Warum aber sollte der "gebildete" Österreicher ein Problembewusstsein in wirtschaftswissenschaftlichen Fragen haben, wenn er an naturwissenschaftlichen Fragestellungen absolut desinteressiert und uniformiert ist?

Parallelen in der Behandlung ökonomischer und naturwissenschaftlicher Fragestellungen werden ja immer offensichtlicher: Computer-basierte Modellierungen bedienen sich der gleichen oder zumindest recht ähnlicher Programme für das "Wirtschaften im Mikro- und Makromaßstab", wie für die Beschreibung z,B von biologischen Systemen. In beiden Fallen hat man es mit komplexen Systemen zu tun, deren Ergebnisse durch viele Parameter beeinflußt werden, die wiederum voneinander abhängen und sich über die Zeit hin ändern (können). Modelle der Evolution können für die biologische Evolution der Spezies und ebenso für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften angewandt werden. Repräsentativ für diese Forschungen kann das Santa Fe Institut (New Mexico) angesehen werden, in dem seit den 1980er Jahren Grundlagenforschung zur Theorie komplexer adaptiver Systeme - von physikalischen, chemischen, biologischen bis hin zu verschiedensten sozialwissenschaftlichen Systemen - betrieben wird.

Wenn also der Großteil unserer Landsleute nichts von (Bio)ökologie hält, warum sollten diese sich dann für die Gesetzmäßigkeiten des oikos interessieren?

Es ist also sehr viel faul im oikos Österreich!

Im übrigen: Das Thema "Biokomplexität" ist einer unserer Schwerpunkte im Blog.

Bildung made in Austria (Wissensvermittlung im ORF)

gestern habe ich im ORF 2 Eco einen Beitrag über „rechtsdrehende Schneeflocken“ gesehen. Stolz wurde über die in Österreich entwickelte Beschneiungsmethode berichtet:

Die Beschneiung beruht auf der Verwendung von "aktiviertem" Wasser. Dabei entstehen die "rechtsdrehenden Schneeflocken" (die Drehrichtung wurde wahrscheinlich mit dem Pendel bestimmt). Abgesehen von der Qualität des so erzeugten Schnees, soll der Aufenthalt im "aktivierten Schnee" auch gesund sein - ein Mediziner - besser gesagt ein Spezialist für "Bioinformative Quantenmedizin" - misst mit so irgendeinem "Biokastl" an Versuchspersonen eine verbesserte Regulationsfähigkeit (was immer das sein mag).

Offensichtlich feiert das Grander Wasser hier fröhliche Auferstehung. Wen wundert der eklatante Mangel an wissenschaftlicher Bildung?

Es ist zum Heulen!

Wie ist das möglich -Wissenschaftsmonitor Österreich

zur selben Zeit wie die Eurobarometer-Umfrage wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft eine thematisch partiell überlappende Umfrage "Wissenschaftsmonitor" durchgeführt. Das Ergebnis wurde in einer Pressekonferenz am 14. Jänner vorgestellt - die 15 (eher mageren) slides liegen vor: http://www.strategieanalysen.at/bg/wissenschaftsmonitor_pk.pdf

Anlass für die "Presse" am 16.1. darüber einen Jubelartikel „Wissenschaft macht unser Leben leichter“ herauszugeben: "Forschung genießt einen hohen Stellenwert und soll weiter gestärkt werden,......Die Ergebnisse zeigen eine breite Zustimmung der Öffentlichkeit für die Wissenschaft: 92 Prozent der Befragten beurteilten diese als sehr wichtig oder eher wichtig für die Arbeitsplätze in Österreich und den Wirtschaftsstandort insgesamt. Die Einschätzung der Bedeutung für das internationale Ansehen, Wohlstand und das tägliche Leben in Österreich fiel ähnlich hoch aus (siehe Grafik). Insgesamt 86 Prozent stimmten der Aussage, dass Wissenschaft unser Leben leichter macht, sehr oder eher zu. ..................."usw.

Man fragt sich, wie derartig divergierende Ergebnisse - hier Eurobarometer, da Wissenschaftsmonitor - hier deprimierende Einstellung zu Wissenschaft und Forschung, da geradezu Begeisterung - überhaupt möglich sind.

Die mögliche Antwort: ein ziemlicher Bias in den Stichproben. Die Wissenschaftsmonitor-Umfrage wurde ja online durchgeführt und zwar unter der Annahme, dass 92 % der Österreicher Internet haben und damit auch umgehen können (dh. es u.a. nicht nur für Spiele und Herunterladen von Pornos benutzen). Das Eurobarometer basiert dagegen auf ausführlicheren "face to face" Interviews, erfasst also auch Nichtbesitzer von PCs.

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