Das Erdbeben in Nepal – wie ein Forschungsprojekt ein abruptes Ende fand

Fr, 18.09.2015 - 08:13 — Viktor Bruckman

Viktor BruckmanIcon WissenschaftsgeschichteAm 25. April 2015 ereignete sich in Nepal ein verheerendes Erdbeben (nach der Momenten-Magnitudenskala Stärke 7,8) in einer Tiefe von rund 15 km. Das Epizentrum lag rund 70 km westlich von der Hauptstadt Kathmandu. Der Forstwissenschafter Viktor Bruckman (Kommission für interdisziplinäre ökologische Studien, OEAW) war an diesem Tag mit seinem Team in ein entlegenes Tal des Gaurinshakar Schutzgebietes im Nordosten Nepals aufgebrochen, um im Rahmen eines internationalen Projektes die Landnutzung und Forstbewirtschaftung dieses Gebietes zu studieren. Das Beben machte diesen Plan zunichte. Bruckman beschreibt, wie er diesen Albtraum erlebte.

„Möglichkeiten für eine integrierte Forstwirtschaft im Gaurinshankar Schutzgebiet“

Dies ist der Titel eines meiner laufenden Projekte, in welchem Partner aus Nepal, China und Österreich zusammenarbeiten. Das Gaurinshankar Schutzgebiet (GCA) - 2010 von der Nepalesischen Regierung ausgerufen - hat eine Fläche von 2'179 km2 und liegt im Nordosten Nepals. Im Osten grenzt es an den Mt. Everest National Park, im Westen an den Langtang National Park und im Norden an die autonome Chinesische Region Tibet (Abbildung 1).
35% der Fläche des GCA sind von Wäldern bedeckt. Bedingt durch die gebirgige Region mit Höhen zwischen 1'000 und 7'000 m liegt ein komplexes Ökosystem vor mit 16 wesentlichen Vegetationstypen und einer hohen Diversität von Fauna und Flora. Auch die etwa 60'000 in dieser Region lebenden Menschen weisen auf Grund einer langen und komplexen Besiedlungsgeschichte eine außergewöhnliche kulturelle Vielfalt auf und gehören unterschiedlichen Ethnien und Religionen an.

Die gesamte Region ist reich an Wasservorkommen und Einzugsgebiet mehrerer Flüsse- einige größere Wasserkraftwerksprojekte laufen bereits oder sind in Planung.

Gaurinshankar SchutzgebietAbbildung 1, Das Gaurinshankar Schutzgebiet. Grün: die kleinsten politischen Verwaltungseinheiten (Village Development Committees: VDCs). Die in dem Bericht genannten Örtlichkeiten sind eingezeichnet.

Das Ziel unseres Projektes

war es die Landnutzung und Waldbewirtschaftung in einer der entlegensten Gegenden des seit kurzem bestehenden Gaurinshankar Schutzgebietes zu untersuchen. In einem Zweistufenprogamm wollten wir zuerst einen Einblick in die Wechselbeziehung Mensch und Ökosystem gewinnen. Dies sollte partizipativ aus Einzel- und Gruppen-Interviews mit der Landbevölkerung hervorgehen (Fragen hinsichtlich Landnutzung und Existenzgrundlagen, Erhebung von wirtschaftlichen Möglichkeiten und Aktivitäten). Im zweiten Schritt planten wir entsprechend den lokalen Gegebenheiten und den im ersten Schritt gewonnenen Erkenntnissen eine Reihe von Beobachtungsplots einzurichten. Von Anfang an wollten wir auch lokale Interessensvertreter in das Projekt mit einbeziehen: unsere Ergebnisse sollten ja schließlich der lokalen Bevölkerung und nicht nur der Wissenschaft zugutekommen.
Insgesamt ist dieses Konzept ein gutes Beispiel für eine interdisziplinäre Fragestellung, die nötig ist, um den Komplex lokale Energieerzeugung, Ressourcen und Auswirkungen auf die Umwelt und das soziale Gefüge zu verstehen.

Unser Projekt startete am 22. April 2015 mit einem Workshop in Kathmandu. Wir hatten dazu einige wichtige Interessenvertreter der Regierung und lokaler Nichtregierungsinstitutionen (NGO’s) eingeladen und ihnen das Projekt und dessen Ziele vorgestellt. Es ging uns auch darum, einen Überblick zu bekommen, wie sich die seit Gründung des Schutzgebietes bestehenden Auflagen zur Landnutzung bereits auf die reale Nutzungssituation auswirkt.

Ein kurzer Einblick zur Landnutzung und Existenzgrundlage

Tags darauf begannen wir mit den ersten Interviews. Wir erfuhren, dass von dem am oberen Tamakoshi-Fluss in Bau befindlichem Wasserkraftwerk große Auswirkungen auf Bevölkerung und Landnutzung erwartet werden. Mit einer Kapazität von 456 MW soll es das größte Wassserkraftwerk Nepal s werden. Eine dieser Auswirkungen betrifft die neu geschaffene Infrastruktur: Um die Zufahrt zur Baustelle des Staudamms im Ort Lamabagar (etwa 7 km von der Grenze zu Tibet entfernt) zu erleichtern, wurde eine Straße gebaut. Nun sind ehemals abgelegene Siedlungen an das Straßennetz angeschlossen und es wurde von Verbesserungen in Gesundheitsbereich, Ausbildung und Vermarktung lokaler Produkte berichtet.

Zur Landnutzung

In niedrigeren Lagen des Schutzgebietes dominieren Terrassen-Ackerbau und Tierhaltung. Bodenstreu wird in den Wäldern gesammelt und zusammen mit Stallmist kompostiert. Dies dient als natürlicher Dünger für die Landwirtschaft. In höheren, für Ackerbau bereits ungeeigneten Lagen herrscht Tierzucht mit Yaks und Chauri (Hybride von Yaks und lokalen Rindern) und Ziegen vor. In der ganzen Gegend ist es aufgrund des Mangels an Weideflächen üblich, grüne Zweige und Äste aus dem Wald – vor allem von Eichen – als Tierfutter zu verwenden. Terrassen-Ackerbau und die regelmäßig beschnittenen „Futterbäume“ kommen in tieferen Lagen gemeinsam vor und sind ein gutes Beispiel für Agrarforstwirtschaft (Abbildung 2).

In den entlegenen Teilen des Tales stromaufwärts von Lamabagar sind die Wälder weitgehend intakt, die Forstwirtschaft wird offenbar seit Jahrhunderten nachhaltig betrieben: Produkte sind Tierfutter, Bodenstreu, Kräuterpflanzen und medizinische Pflanzen, Brennholz und in gewissem Umfang auch Bauholz. Die Baumgrenze liegt bei etwa 3600 – 3700 m. In einigen vorangegangenen Studien konnte gezeigt werden, dass eine Kreislaufwirtschaft im Sinne des Nährstoffumsatzes die Basis der nachhaltigen Nutzung ist, die ohne industrielle Düngemittel auskommt. Die Bodenbewirtschaftung muss in diesen Gegenden sehr sorgsam und überlegt betrieben werden, denn Erosion ist aufgrund der Topographie ubiquitär und kann zur vollständigen Degradation der Böden führen.

Gaurinshankar SchutzgebietAbbildung 2. Der imposante Gaurishankar (7'134 m), an der Grenze zu China gelegen, ist namensgebend für das Schutzgebiet. Das Bild zeigt die typische Bodenbewirtschaftung: Terrassen und Bäume, die Futtermittel liefern, also eine Art Agrarforstwirtschaft, in der das volle Potential der Böden ausgeschöpft werden kann.

Zur Existenzgrundlage

In diesen abgelegenen Gebieten ist das Leben hart. Die Versorgung mit Lebensmitteln aus eigener Produktion reicht laut dem “Gaurishankar Conservation Area Management Plan” von 2013 je nach Gegend für 3,4 bis 8,7 Monate im Jahr. Um Nahrungsmittel für die restliche Zeit kaufen zu können, benötigen Familien zusätzliche Einkommen.

Die männlichen Familienmitglieder suchen daher Arbeitsmöglichkeiten in der Hauptstadt Kathmandu oder auch weiter weg oft in Indien, Qatar oder Malaysia. Die Frauen kümmern sich um Landwirtschaft und Tierhaltung. Eine einzigartige Einkommensquelle in dieser Region ist das Sammeln von Yartsa Gunbu, dem Fruchtkörper eines Pilzes (Ophiocordyceps sinensis), der auf Weiden oberhalb der Baumgrenze Schmetterlingsraupen im Boden befällt, die dann absterben und mühsam gesucht und ausgegraben werden müssen (Abbildung 3). Speziell in der traditionellen Chinesischen Medizin besteht große Nachfrage nach diesem Pilz, dem man heilende Wirkung bei Krebserkrankungen zuschreibt und sein Verkauf kann bis zu 60 % zum jährlichen Familieneinkommen beitragen. Üblicherweise sammeln Jugendliche den Pilz und verbringen dazu einige Tage in den Bergen. Die Yartsa Gunbu Saison ist kurz: als wir in Lamabagar ankamen, war dies gerade der Fall – 1'500 – 4'000 Jugendliche waren zu den erhofften Fundplätzen aufgestiegen.

Frisch gesammelter Yartsa GunbuAbbildung 3. Frisch gesammelter Yartsa Gunbu; zu sehen sind die abgestorbenen Schmetterlingsraupen und der stielförmige Fruchtkörper des Pilzes, der aus der Erde ragt.

Die Expedition startet

Lambagar, auf 2'000 m Seehöhe, war der Ausgangspunkt unserer Expedition. Hier endet die Straße an der Baustelle des Wasserkraftwerks. Wir brachen am Morgen des 25. April auf und hatten vor das Lapchi Kloster an der Grenze zu Tibet am 27. April zu erreichen (siehe Abbildung 1). Das Lapchi Kloster liegt auf 3'800 m Höhe und gilt als einer der wichtigsten spirituellen Orte in der gesamten Tibetanischen Region. Auf dem Weg dahin wollten wir in kleineren Ansiedlungen weitere Interviews führen und auch geeignete Plätze für die geplante Errichtung von Beobachtungsflächen markieren, die am Rückweg installiert werden sollten. Wir planten eine Inventarisierung von Biomasse und des Bewuchses durchzuführen, Bodenprofile zu erstellen und entsprechende Proben zur organisch chemischen Analyse zu entnehmen.

Am Morgen des 25. April regnete es leicht, einerseits eine eher ungünstige Situation für den anstrengenden Aufstieg, andererseits würde es nicht zu heiß werden und wir könnten schneller als geplant vorankommen. Unsere drei Träger stießen zu uns und wir übergaben ihnen den Großteil unserer Verpflegung und auch einen Teil der wissenschaftlichen Ausrüstung. Die Verpflegung für den zweiten Teil der Expedition (Abstieg und Installation der Beobachtungsflächen) war bereits per Hubschrauber zum Kloster geflogen worden. Von dort sollten Träger diese zu vorher festgelegten Stationen im Tal bringen. Gewohnt Lasten von 30 kg und darüber zu tragen, forderten die Träger uns auf, sie mehr zu beladen. Ich entschloss mich ihnen einige sperrige Ausrüstungsgegenstände - wie Schlafsack und aufblasbare Luftmatratze – mitzugeben, behielt aber das tragbare Wasserfiltergerät: Ich hatte nur einen Liter Trinkwasser mitgenommen – zweifellos zu wenig für eine Tagestour.

Die Träger wollten vorerst noch frühstücken, bevor sie nachfolgten. Sie würden uns, wie sie meinten, vor Mittag leicht eingeholt haben.
Wir brachen also zu unserem ersten Tagesziel, der kleinen Siedlung Lumnang, auf. Es handelt sich dabei um die letzte in diesem Tal permanent bewohnten, aus etwa 15 Gebäuden bestehenden Ansiedlung. Alle anderen flussaufwärts gelegenen Siedlungen – mit Ausnahme des Lapchi Klosters – werden nur in den Sommermonaten von Hirten genutzt.

Auch wenn es ununterbrochen leicht regnete oder nieselte, waren wir von der Schönheit der Landschaft überwältigt. Steile Felswände aus metamorphen Gesteinen begleiteten uns während der ersten Stunden unseres Aufstiegs. Urtümliche gemischte Laubwälder von hoher Diversität fanden sich entlang der Flusstäler und auf den Bergrücken (Abbildung 4).

Frisch gesammelter Yartsa GunbuAbbildung 4. Auf dem Anstieg zur ersten (und letzten) Etappe unserer Expedition. Oben: Nach etwa 2 Stunden Aufstieg: Blick zurück nach Lambagar. Unten: der Albtraum bricht los; Gerölllawinen stürzen herab.

Um etwa 11:30 befanden wir uns in dem vermutlich schwierigsten Abschnitt, einem Gelände mit einer Reihe kraftraubender Steilstufen. Auf der Höhe angekommen, konnten wir eine Stupa sehen, die am Zusammenfluss (von hier an Tamakoshi Fluss genannt) des Lapchi Flusses und eines weiteren Flusses aus Tibet liegt.

Nach einer kurzen Rast stiegen wir dann zum Eingang des Lapchi Flusstales hinab. Dieses ist durch steile, 300 – 400 m hohe Felswände an der Ostseite des Flusses und dicht bewaldete Abhänge an seiner Westseite charakterisiert, der Pfad verläuft in etwa 10 – 50 m Entfernung vom Fluss. Der Regen hatte nun aufgehört und es gab erste, kurze sonnige Momente.

Der Albtraum beginnt

Die friedliche Aussicht endete abrupt um 12:05 Lokalzeit. Der Boden unter unseren Füßen, die Sträucher und Büsche um uns herum begannen zu vibrieren und das Wasser von den uns umgebenden Bäumen ergoss sich plötzlich wie Starkregen über uns. Nach einigen Sekunden wurde aus dem Vibrieren ein Beben und die ersten Felsbrocken - groß wie ein Fußball – stürzten auf unserer Seite den Hang hinab. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich neben meinem nepalesischen Kollegen Mohan Devkota, sein Student Puskar war irgendwo oberhalb von uns in etwa 50m Entfernung und Klaus Katzensteiner von der BOKU ebenfalls vor uns.

Als wir begriffen hatten, dass wir gerade ein Erdbeben erlebten, suchten wir nach einem sicheren Standort, während immer mehr und größere Felsbrocken hinabfielen. Das Unterstellen unter einen Baum bot nur wenig Schutz, der Steinschlag wurde immer heftiger. Jenseits des Flusses beobachteten wir, wie haushohe Felsen und Erdrutsche unter enormen, explosionsartigen Getöse über die Wände in den Fluss stürzten und dort sofort in Trümmer barsten (Abbildung 4). Die in alle Richtungen zerstiebenden Trümmer warfen teils ganze Bäume um.

Einige dieser Felsen fielen genau in das Bachbett vor dem wir in einigen Metern Entfernung standen, nur geschützt durch einen schmalen Streifen Bewuchs. Eingehüllt in eine Wolke von Staub, der markant nach Schwefel roch, dem ohrenbetäubenden Lärm von fallenden Bäumen und der surrealen Situation war ich überzeugt, dass dies die letzten Eindrücke in meinem Leben sein würden. Aber Devkota und ich hatten Glück – wir kamen davon ohne einen Kratzer abbekommen zu haben. Sofort begannen wir nach unseren Kollegen zu suchen, fanden aber nur Katzensteiner, der unter einem überhängenden Felsen Schutz vor dem anhaltenden Steinschlag (die Folge weiterer, konstant auftretender Nachbeben) gesucht hatte. Er erzählte uns, dass ein Mönch (Lama) in unsere Richtung abgestiegen wäre und vermutlich den Studenten getroffen hätte. Allerdings fehlte von beiden jede Spur, unser Rufen war bisweilen ohne Ergebnis. Wir warteten etwa fünf Minuten unter dem überhängenden Felsen, da kamen glücklicherweise die Gesuchten, offensichtlich unverletzt. Sie waren bei Beginn des Steinschlags bergauf gelaufen, um den Steingeschossen aus dem Flussbett zu entgehen. Der Lama hatte unserem Studenten das Leben gerettet, der von einem großen Felsbrocken bereits gestreift wurde (welcher bloß die außen am Rucksack angebrachte Wasserflasche zerstörte).

Wir suchen Zuflucht

Der Lama führte uns nun zu einer vom Fluss ausgewaschenen, heiligen Höhle, nur wenige hundert Meter von dem Platz entfernt, wo wir das Beben erlebt hatten. Wir dachten an Erdrutsche, die flussaufwärts den Wasserlauf möglicherweise blockiert hatten und an die verheerenden Folgen einer Springflut. Unsere Beunruhigung wuchs zunehmend und wir starrten auf den Wasserspiegel des Flusses, der inzwischen eine dunkelbraune Farbe angenommen hatte. Nach einer Stunde entschlossen wir uns zusammen mit dem ortskundigen Lama das Tal schnellstmöglich zu verlassen. Als wir nun aber wieder den Taleingang am Zusammenfluss des Lapchi erreicht hatten, sahen wir, dass es hier kein Weiterkommen gab. Der Weg war völlig zerstört und es bestand keine Möglichkeit einer Umgehung, auch nicht für unseren erfahrenen Führer. Dieser empfahl uns daher flussaufwärts zu einem Meditations-Zentrum zu steigen, wo sich etwa 20 Lamas unterhalb einer überhängenden Felswand in Zelten aufhielten.

Der Weg zu diesem Platz erwies sich als etwa 2 Stunden Fußmarsch von der Ansiedlung Lumnang - unserem eigentlichen Tagesziel – entfernt und war durch Erdrutsche sehr schwer passierbar geworden. Wir querten einige gefährliche Abschnitte, während weitere Nachbeben erfolgten, und erreichten schließlich den Meditationsplatz (Abbildung 5).

Der Meditationsplatz der LamasAbbildung 5. Der Meditationsplatz der Lamas bietet uns Schutz.

Die Lamas boten uns Tee mit Milch und Speisen an und einen Schlafplatz – in unserer Lage ein unwahrscheinliches Glück! Wir hatten ja nur wenig Verpflegung für maximal einen Tag mit, nur eine ganz leichte Ausrüstung, keine Schlafsäcke, keine Matten…

Die Lamas meinten am nächsten Tag, dass wir - mit viel Glück - an einer bestimmten Stelle in den Bergen eine Funkverbindung bekommen könnten – auf Grund der lokalen Gegebenheiten und der langjährigen Erfahrung der Mönche wäre das aber nur zwischen 10 – 12 Uhr vormittags möglich. Wir hatten Glück: einige Sekunden lang. Die Zeit reichte, um mitzuteilen, dass wir in Sicherheit wären, aber nur mit einem Hubschrauber aus dem Tal herauskommen könnten. In diesem Moment wussten wir noch nicht, dass dies der einzige Zeitpunkt sein würde, um Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Trotz verzweifelter Bemühungen gelang es in den folgenden Tagen nicht eine Funkverbindung herzustellen. Wir hatten keine Ahnung, wann wir aus dem Tal herausgeholt würden, wir sorgten uns um unsere Familien, die vermutlich nichts über unsere Lage wussten. Von einem alten Radio, das uns den Empfang eines indischen Senders ermöglichte, erfuhren wir, dass das erlebte Beben ein besonders schweres war, und nicht nur lokale Auswirkungen hatte.
Tatsächlich waren bereits Alle an unserer Rettungsaktion beteiligt: unsere Familien, Vertreter unserer Institutionen, Ministerien, Botschaften und die örtlichen Militärlager. Wir hatten davon bloß keine Ahnung.

Die Rückkehr

Nach fünf Tagen war der Albtraum für uns zu Ende. Ein Hubschrauber kam und brachte uns nach Charikot ins Armeelager (Abbildung 6). Er flog dann noch einmal zurück, um die Bewohner von Lumnang mit Nahrung und Medikamenten zu versorgen. Wie wir aus Berichten von Lamas und Einwohnern erfuhren, war diese Ansiedlung komplett zerstört worden. Es gab auch Tote – deren Zahl wäre zweifelhöher gewesen, hätte das Erdbeben nicht zu einer Zeit stattgefunden, zu der sich der Großteil der Menschen im Freien aufhielt.

Der Meditationsplatz der LamasAbbildung 6. Glücklich entkommen: Puskar, Mohan Devkota, Viktor Bruckman, Klaus Katzensteiner (von links nach rechts).

Auf dem Flug sahen wir erst das Ausmaß der Katastrophe. Etwa 80 % der Gebäude waren komplett zerstört, große Abschnitte des Weges durch Erdrutsche völlig verwüstet - unsere Chancen zu Fuß zu entkommen, wären minimal gewesen. Später erfuhren wir, dass einer unserer Träger bei einem Erdrutsch umgekommen war, ein anderer wurde schwer verletzt. Nur einer schaffte es sicher nach Lamabagar zurückzukehren. Einige Gruppen von Leuten, die gleichzeitig unterwegs waren –darunter Wasserkraft-Techniker, die nach Lamabagar wollten und andere Personen, die wir am Weg nach Lapchi überholt hatten -, wurden vermisst. Lokale Berichte sprachen von vielen Toten im Flußbett des Tamakoshi , von den Yartsa Guma sammelnden Jugendliche werden Hunderte vermisst.

Wir haben überlebt. Unser Mitgefühl ist mit den Opfern der Katastrophe, insbesondere dem Opfer unseres Teams, und ihren Angehörigen.
An eine Fortsetzung unseres ursprünglichen Projekts ist nicht zu denken. Nach sorgfältiger Analyse der aktuellen Situation, wollen wir ein neues Konzept zur langfristigen und nachhaltigen Unterstützung der in den entlegenen Gebieten lebenden Menschen erstellen.


Weiterführende Links

Viktor Bruckman. Projekthomepage: IFM-GCA: Options for integrated forest management in Gaurishankar Conservation area (GCA), Eastern Nepal Himalayas.

European Geosciences Union

Kommission für interdisziplinäre ökologische Studien

Auf der Suche nach dem Raupenpilz Video 6:49 min.



Kommentare

ein sehr interessanter Bericht

es ist anzunehmen, dass das "harte Leben" der Bevölkerung noch um vieles härter geworden ist. Vor allem in den Bergtälern wurden ja ganze Dörfer zerstört - wohnen die Menschen jetzt noch im Freien?

Dazu war vor zwei Wochen ein Bericht im Spiegel:

Erdbeben im Himalaya: Was wurde aus... den Hilfsgeldern für Nepal?
demnach hat "die dortige Regierung noch keinen Cent der von internationalen Organisationen und Geberländern zugesagten Spendenmilliarden ausgegeben. Es seien noch nicht mal Modalitäten geschaffen worden, mit denen Kathmandu die Gelder beziehen könnte, sagte der Vorsitzende des neu gegründeten Nationalen Amts für Wiederaufbau"

http://www.spiegel.de/panorama/nepal-nach-dem-erdbeben-was-wurde-aus-den...

Auszahlung der Hilfsgelder

Bezüglich der Auszahlung der Hilfsgelder werden recht widersprüchliche Aussagen gemacht. Es stimmt schon, dass das sehr schleppend vorangeht und insbesondere Siedlungen in sehr entlegenen Gegenden haben noch keinerlei Unterstützung bekommen. Laut meinen Kollegen in Nepal wurde aber in vielen Regionen schon finanzielle Hilfe geleistet, allerdings weit unter den insgesamt zugesagten Beträgen. Neben den politischen Gründen dafür wird wohl auch die Tatsache eine gewichtige Rolle gespielt haben, dass sich das Erdbeben unmittelbar vor der Regenzeit zugetragen hat. In den letzten Monaten waren viele Gegenden praktisch nicht erreichbar, es konnten auch keinerlei Hilfsgüter und Baustoffe transportiert werden. Die Regenzeit lässt nun langsam nach und die Infrastruktur wird wiederhergestellt. Ich erwarte in nächster Zeit daher ein Anlaufen vieler Bemühungen.
Laut Aussagen einer Bekannten, die im Einzugsgebiet des Mt. Everest eine Lodge betreibt, kosten Baustoffe aufgrund der hohen Nachfrage zurzeit etwa den fünffachen Preis und Arbeitskräfte sind schwierig zu bekommen.

Zur Frage von Columbus kann ich sagen, dass, alleine aufgrund der Regenzeit, niemand mehr im Freien wohnt, das wäre bei den Regenmengen unmöglich. Allerdings handelt es sich bei vielen "Häusern" zurzeit eher um notdürftig errichtete Hütten aus den verwertbaren Materialien der zerstörten Gebäude.

Vielen Dank für das Update

Vielen Dank für das Update und dass Sie Ihren Artikel so freundlich ›nachbetreuen‹!

Kommentar hinzufügen

The content of this field is kept private and will not be shown publicly.

Sehr geehrter Besucher, wir laden Sie herzlich ein, Ihre Meinung, Kritik und/oder auch Fragen in einer Mailnachricht an uns zu deponieren. Gültigen Absendern werden wir zügig antworten.