Reaktionen auf globale Bedrohungen: Ignorieren – Verdrängen – Dramatisieren *

Fr, 31.01.2015 - 06:51 — Ortwin Renn

Ortwin RennIcon Politik & GesellschaftWie nehmen wir welche Bedrohungen wahr? Der Technik- und Umweltsoziologe Ortwin Renn legt dar, dass wir uns vor den falschen Dingen fürchten, dass wir individuelle Lebensrisiken dramatisieren, aber die echten, von ihm als systemische Risiken bezeichnete Bedrohungen unterschätzen. Systemische Risiken sind global und betreffen jeden, werden aber dennoch häufig verdrängt, da kein festgelegter Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erkennbar ist. Diese Risiken sind Folge des zunehmenden Ausmaßes menschlicher Eingriffe in natürliche Kreisläufe, der Steuerungskrisen in Wirtschaft und Politik und der Modernisierung, die zur Ungleichheit der Lebensbedingungen, Verwundbarkeit unserer technischen Systeme und Identitätsverlusten geführt hat.**

FrühmenschenVor ungefähr 15 000 Jahren saßen 4 Frühmenschen vor einer Höhle und besprachen ihre Situation. Der Erste sagte: „Wir haben doch ein hervorragendes Leben. Wenn ich Wasser hole, ist es ganz rein und nicht verschmutzt“. Der Zweite sagte: „In der Luft haben wir überhaupt keine Schadstoffe“, darauf der Dritte: „Unsere Lebensmittel sind alle biologisch dynamisch“ und der Vierte: „Großen Stress haben wir auch nicht“. Da sahen sie sich an, und dann meinte der Erste. „Wir haben nur ein Problem: warum werden wir nicht älter als 30 Jahre?“

Was hinter dieser Geschichte steht?

Dass wir viele unserer Risiken dramatisieren, aber andere Risiken, für die es sich lohnt sehr stark einzustehen, eher verdrängen oder ignorieren.

Reduktion individueller Risiken…

Von den Frühmenschen zur Moderne: Mädchen, die jetzt in Österreich geboren werden, haben eine Lebenserwartung von 86 Jahren, Jungen von 82 Jahren. Das ist sensationell: bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts kamen nur die wenigsten Menschen in unseren Gesellschaften so nahe an die Grenzen ihren biologisch gegebenen Lebensspanne. Heute sterben in Österreich bloß 1,28 % der Menschen vor ihrem 65. Lebensjahr. In einem afrikanischen Land dagegen (beispielsweise das eigentlich noch recht stabile Sambia) erreichen 56 % der Menschen nicht ihr 65stes Lebensjahr.

…eine Erfolgsgeschichte

Hauptgründe dafür, dass wir das Risiko für die gesamte Bevölkerung sehr stark reduzieren konnten, sind

  • die Etablierung der Hygiene,
  • die Technisierung unserer Welt und Umwelt. Dadurch wurden viele Risiken, vor denen wir Schutz , Geborgenheit, aber auch gesellschaftliche und soziale Sicherheit brauchen, verringert,
  • die Ernährung, die - anders als uns Nostalgiker weismachen wollen - früher viel schlechter war - durch Ernährungsmangel sind bis in die Mitte des 20 Jahrhunderts große Probleme aufgetreten,
  • die Errungenschaften - Hygiene, Technik und ausreichende Ernährung - stehen nicht nur für eine Elite der Gesellschaft, sondern im Prinzip für fast alle zur Verfügung. Könige und Kaiser haben auch früher relativ lang gelebt, nicht aber das einfache Volk.

Wir haben in unseren Lebensbereichen einen Großteil der Risiken, vor allem Krankheitsrisiken, sehr stark reduzieren können. Unsere Lebensumstände, die bedingt sind durch technische Zivilisation aber auch durch die modernen Lebensweisen, haben wir sehr stark von alltäglichen Risiken befreit und uns gegen Gefahren institutionell und individuell weitgehend abgesichert. Dazu ein paar Zahlen:

Arbeitsunfälle gehören weltweit zu den größten Todesrisiken der Menschheit, jährlich sterben daran 2,3 Millionen Menschen (mehr als an allen Infektionskrankheiten zusammen). Diese Risiken sind in den OECD Ländern in dramatischer Weise gesunken. Gab es 1962 z.B. in Deutschland knapp 5000 tödliche Arbeitsunfälle, waren es 2013 nur noch 472. Auch andere Unfälle wurden hier stark reduziert: 1970 gab es 22 000 Verkehrstote, heute 3500; Freizeitunfälle verursachten 1976 rund 14 000 Tote heute knapp 7 000.

Weitere Reduktion von Gesundheitsrisiken

Es gibt also Erfolge in den klassischen Risikobereichen. Diese sind auch eine Ermutigung, an die Risiken, wo wir diese Erfolge nicht haben, mit demselben Elan, demselben Mut heranzugehen, wie bei den Risiken, die wir enorm reduziert haben.

Umweltbezogene Risiken sind gegenüber anderen Gesundheitsgefährdungen weitgehend zurückgetreten. Wenn wir individuell unsere Gesundheitsrisiken weiter reduzieren wollen, dann sind es die bekannten vier Volkskiller, die unser Leben beeinträchtigen:

Rauchen, übermäßiges Trinken, unausgewogene Ernährung und Bewegungsmangel.

Ungefähr ⅔ aller vorzeitigen Todesfälle in den OECD Ländern, lassen sich darauf zurückführen. Dies sind Risiken,

die wir individuell zum großen Teil steuern können (das war vor 300 Jahren, selbst vor 100 Jahren noch nicht der Fall - sehr viele Risiken waren damals von außen gesteuert).

wo dort, wo wir institutionelle Formen der Risikoreduzierung brauchen, diese in unseren Ländern greifen - zumindest so weit, dass wir heute sagen: dies ist tolerierbar.

Systemische Risiken - globale Bedrohungen

Bei systemischen Risiken handelt es sich darum, dass die Funktionalität eines Systems durch ein Ereignis gefährdet wird, das dann das ganze System aus den Angeln hebt. Viele Risiken tun dies nicht, sie reduzieren vielleicht die Gesundheit, die Sicherheit, möglicherweise das Einkommen. Systemische Risiken dagegen sind solche, die sozusagen an der Grundstruktur- am Rückgrat - der Funktionalität ansetzen.

Systemische Risiken sind durch vier Merkmale gekennzeichnet:

  1. Sie sind global. Jeder ist davon betroffen, egal wo er lebt; niemand kann sich im Prinzip diesen Risiken entziehen.
  2. Sie sind vernetzt. Wenn ich an einer Stellschraube ziehe, ergibt dies ein hohes Maß an Komplexität: an Veränderungen von unterschiedlichsten Faktoren, welche die Risiken in unterschiedlicher Weise beeinflussen, sodass die ursprüngliche Ursache-Wirkungsbeziehung entweder gar nicht mehr oder in sehr veränderter Form auftaucht. Komplexe Systeme zeichnen sich vor allem durch ungewöhnliche Konsequenzen aus: durch die vielen intervenierenden, variablen Rückschleifen werden sie für uns nicht mehr prognostizierbar und oft sogar schwer erklärbar.
  3. Sie sind nichtlinear. Dies bedeutet, dass lange Zeit gar nichts passiert und dann passiert plötzlich alles – wie, wenn man einen Schalter umlegt und das Licht ausgeht. Das Problem der meisten nichtlinearen Systeme, wie wir sie beispielsweise im ökologischen Bereich kennen, ist, dass sie größtenteils irreversibel oder nur sehr langsam umkehrbar sind. Wenn beispielsweise der Golfstrom im Rahmen des Klimawandels versiegen sollte, dann lässt sich dies nicht so einfach mit etwas weniger Kohlendioxyd rückgängig machen. Bis der Golfstrom wieder angeht, wird es mindestens einige hundert Jahre dauern, selbst, wenn alle Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Oder denken Sie an die Finanzkrise: lange Zeit haben alle verdient, jeder hat gesagt: „Es funktioniert doch wunderbar - was sollen die Unkenrufe?“. Irgendeinmal platzt dann das Ganze. Und da geht's dann wie mit Dominosteinen: einer nach dem anderen fällt um.
  4. Sie sind stochastisch – es bestehen keine festgelegten Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen, nur Wahrscheinlichkeiten. Dies bedeutet, dass eben Unsicherheit besteht, wie bestimmte Eingriffe des Menschen Konsequenzen zeitigen. Wir können diese zwar modellieren, müssen aber über deren genaues Ausmaß und Intensität spekulieren – wir haben keine festen numerischen Daten, die uns mit Sicherheit sagen lassen was passiert, wenn beispielsweise Fall A eintritt.

Diese vier wesentlichen Kennzeichen führen dazu, dass wir derartige Risiken nicht so dramatisieren wie vielleicht andere, die sich tagtäglich begeben, von denen wir aber glauben, dass sie uns enorm belasten, wie etwa der „Schadstoff der Woche“. Systemischen Risiken gegenüber verhalten wir unser eher fast zurückhaltend, um es sehr gelinde auszudrücken, und verdrängen oder ignorieren diese sogar meistens.

Wahrnehmung systemischer Risiken

Wir nehmen Risiken anders wahr, als wie sie aus der wissenschaftlichen Analyse erkennbar sind. Auf bestimmte Risiken reagieren wir besonders intensiv, auf andere eher zurückhaltend. Dahinter steht, dass wir anthropologisch darauf gepolt sind, Kausalitäten als etwas örtlich und zeitlich Naheliegendes zu sehen. Das hatte seinen Sinn: als der Frühmensch aus dem Dschungel in die Savanne kam, war es für sein Überleben wichtig, dass er Gefahren schnell erkannte und darauf schnell reagierte – ob er die Gefahr immer zu 100 % erkannte, war vielleicht für den einzelnen, nicht aber für die Gesellschaft problematisch.

Diese Einstellung bewegt uns auch heute noch. Bei allem was wir an Negativem oder auch Positivem erleben, fragen wir immer danach, „was war kurz vorher, was ist zeitlich nah“. Dieser intuitive Mechanismus versagt gerade bei systemischen Risiken sehr häufig. Wir versuchen dann dafür Sündenböcke zu finden, die nah sind und, die wir zeitlich zuordnen können. Wenn uns Wissenschaftler dann sagen „Nein, das sind ganz andere, sehr komplizierte Prozesse“ verlieren wir das Interesse daran - das ist für uns intuitiv nicht nachvollziehbar.

Globale Risiken und das Allmende-Dilemma

Eigentlich würde man meinen: je globaler etwas ist, desto eher werden wir auch entsprechend eingreifen. Das Gegenteil ist der Fall. Globalität heißt auch: alle sind betroffen. Wenn aber alle betroffen sind, tut niemand etwas. Wir nennen das häufig das Allmende-Dilemma. Wenn alle ein öffentliches Gut haben wollen - egal welches (Finanzsicherheit, Klima, soziale Gerechtigkeit, etc.), dann ist es für den Einzelnen rational zu sagen: wenn alle andern sich dafür einsetzen, krieg‘ ich ja den Nutzen auch ohne selbst beizutragen. Wenn beispielsweise alle sich impfen lassen, ich aber nicht, dann hab ich trotzdem den Schutz, weil die Krankheit sich ja nicht mehr ausbreitet. Wenn zu viele so denken, sind alle geschädigt.

Wichtig ist, dass beim Auftreten globaler Probleme niemand einen wirklichen Anreiz hat als Erster etwas zu unternehmen. Handelt einer als Erster, dann ist es wirkungslos, wenn die anderen 99 % nichts tun; machen es alle, dann sagt sich jeder einzelne, da brauch‘ ich selbst nichts zu tun, der andere tut’s ja.

Das Dilemma bei globalen Risiken ist es, dass auf nationaler Ebene die Staaten - wie beim Klimawandel - sich nicht einigen. Weil jeder Staat sagt: „Wenn alle andern was tun, dann brauch ich ja nichts zu machen“ oder, wenn ein Staat sagt: „Ich will Vorreiter sein, ich tu etwas“ und die anderen tun nichts, dann hat dies keinen Effekt.

Das ist die gegenseitige Lähmung, die mit dem Dilemma verbunden ist.

Vernetzte, nichtlineare…

Hochvernetzte Systeme sind komplex, komplexe Formen sind kontraintuitiv – wir können sie schlecht nachvollziehen. Da lässt sich keine Geschichte darum weben; die Folge davon ist: Ignorieren.

Dies wird noch verstärkt durch die beiden anderen Risikomerkmale: Nichtlinearität und Stochastik.

Die Nichtlinearität sagt letztlich nichts anderes als beispielsweise: „Ich höre der Klimawandel droht, merke aber nichts. Dass es bisschen wärmer wird hat noch niemandem geschadet - worüber regen sich die eigentlich auf?“ Solange ich also nichts merke, habe ich nicht den Eindruck, dass ich was tun muss. Nichtlinearität kennen wir auch von anderen Phänomenen: denken sie an Gewässer, die plötzlich umkippen. Es ist dann sehr schwer, diese wieder zu lebendigen Systemen zu machen.

…und stochastische Risiken

Die Stochastik zeigt uns immer wieder Möglichkeiten, dass die Dinge doch nicht so schlimm sind, wie sie aussehen. Wenn Sie beispielsweise sagen: „Rauchen schafft Lungenkrebs“, ist die Antwort: „Das stimmt in der Tendenz, aber nicht für alle“. In einer Versammlung von Rauchern sagen bestimmt welche „mein Opa ist 95 Jahre; der hat geraucht wie ein Schlot und lebt wunderbar“. Oder umgekehrt: „Von wegen Bewegung und gesunder Ernährung – mein Vetter hat sich wunderbar ernährt, ist immer ins Fitness Center gegangen und mit 32 kriegt er einen Herzinfarkt“.

Ja, das gibt es. Bei stochastischen Phänomenen existiert eben keine eindeutige Beziehung zwischen Ursache und Wirkung.

Unser Kausalitätsdenken ist auf Nahes bezogen. Dass ein 95-jähriger noch raucht, ist sehr viel mehr evident als alles, was Wissenschafter uns in irgendeiner Form beibringen wollen. Das ist beim Raucher im Kleinen so und beim Klimamodell im Großen. „Ehe wir uns nicht 100 % sicher sind, brauch‘ ich gar nichts zu machen. „

Das Problem ist, bei stochastischen Risiken kriegen sie nie 100 %. Das ist oft schwer darzulegen. „Mehr Forschung, das bringt doch mehr Sicherheit“ - die Unsicherheit wird damit besser charakterisierbar, aber sie bleibt. Es gibt keine festen Beziehungen zwischen einer Verursachung und einer Wirkung, sondern diese streuen – d.i. aus der Quantenphysik schon lange bekannt, aber es kommt eben auch außerhalb des kleinen Teilchenbereich, auch in komplexen Zusammenhängen vor. Wir haben dann noch immer einen Strohhalm: na, so schlimm wird’s schon nicht kommen.

Risikobereiche von Systemrisiken

Die Merkmale: global, hochvernetzt, nichtlinear und stochastisch treffen auf drei Risikobereiche zu:

Bereich 1: Eingriffe des Menschen in natürliche Kreisläufe

Der Mensch hat die Natur immer verändert und die Kultivierung der Natur für unsere Zwecke ist seit der neolithischen Revolution – also seit 10 000 – 12 000 Jahren – unser Erfolgsrezept. Es ist auch ein Teil unserer Risikoreduzierung.

Neu ist – und das erst seit 50 – 70 Jahren -, dass wir im Rahmen der Interventionen die in unserer natürlichen Umwelt herrschenden, großen (bio)chemischen Kreisläufe nennenswert beeinflussen. Promillemäßig haben wir das immer gemacht - wir sind jetzt in Prozentwerten; das gilt für den CO2 Gehalt ebenso wie viele andere Kreisläufe. Bedingt durch die Vielzahl der Menschen und unsere technische Dominanz, hat sich die Wirkkraft unseres Handelns so verstärkt, dass wir heute die globalen Kreisläufe beeinflussen.

Das hat große Folgen.

Wir haben in der Vergangenheit schon häufig unsere Umwelt bis zur Unkenntlichkeit zerstört, dies war aber immer regional. (Beispiele sind die Verkarstung weiter Landstrichstriche, die Verschmutzung von Flüssen durch die Textil- und Lederindustrie). Jetzt ist es eine globale Bedrohung. Das, was wir normalerweise in der Wissenschaft und auch in der Wirtschaft tun, nämlich „try and error“ (versuchen und irren), können wir uns nicht mehr leisten. Wenn wir meinen „warten wir ab, ob sich der Klimawandel wirklich so negativ auswirken wird“, werden wir eine globale Veränderung haben, von der wir heute schon sagen können „Wenn die kommt, dann wollen wir diesen Irrtum nicht erleben - warum haben wir nichts zur Prävention getan?“. Prävention kostet. Also Kosten tragen für etwas, wo wir die negative Seiten noch gar nicht merken, sondern nur simuliert bekommen und auch das nur mit Wahrscheinlichkeiten, niemals mit Sicherheit?

Ähnliches erleben wir auch massiv im Umweltbereich, wo gesagt wird „Mit Sicherheit wissen wir nicht, woher XY überhaupt kommt und dafür soll unsere schöne Wirtschaft reduziert, sollen Arbeitsplätze vernichtet werden, damit wir uns auf ein Risiko einstellen, das vielleicht gar nicht eintritt.“

Bereich 2: Steuerungskrise

Heute entscheidet das Government. In einer kollektiven Form, in der wir leben – jeder Mensch ein Sozialwesen –, benötigen wir Steuerungsformen, um die kollektiven Prozesse einigermaßen regeln zu können. Steuerungsprozesse müssen wir heute global ansehen, weil Dinge, die in einem Land gesteuert werden, Auswirkungen auf Steuerungsformen in anderen Ländern haben. Ein Beispiel ist der Markt – ein Steuerungsinstrument, das Regeln aufsetzt, wie bestimmte Güter beispielsweise akquiriert und verteilt werden. Wenn diese Steuerungsmechanismen nicht mehr funktionieren, dann haben wir genau diese systemischen Ereignisse - global, miteinander vernetzt, nichtlinear und stochastisch.

Bestes Beispiel dafür war die Finanzkrise: ein Verlust der Steuerungsfähigkeit a) innerhalb des Finanzsektors selber und b) in der Aufsichtsbehörde und der Aufsicht von Politik und Gesellschaft. Steuerungsformen, die nicht mehr gegenseitig kontrollierbar sind, sondern sich partiell optimieren - hinterher sehen wir, dass wir eng am Kollaps des gesamten Steuerungssystems vorbeigingen.

Steuerungskrisen haben wir auch im politischen Bereich. Die Korruption beispielsweise hat Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung eines Landes, kann seine totale Funktionalität außer Kraft setzen. Auch da sehen wir sehr häufig globale Auswirkungen und eine starke Vernetzung. Das Phänomen Korruption ist oft nichtlinear, geht hoch bis das gesamte System durchlöchert ist und zusammenbricht. Es ist auch häufig stochastisch: manche Länder kommen mit Korruption ganz gut zurecht, viele Länder aber nicht.

Bereich 3: Modernisierung

Hier handelt es sich um Risiken, die mit der starken Transformation von Gesellschaften des Übergangs – Vormoderne zu Moderne, Moderne zu Postmoderne - verbunden sind. Derartige Risiken können durch drei Faktoren bedingt werden:

Ungleichheit

Ungleiche Lebensverhältnisse hat es immer und in allen Gesellschaften gegeben. Eine absolute Gleichverteilung von Ressourcen und Macht hat es nie gegeben und sie wird auch nie funktionieren. Aber jede Gesellschaft hat großen Wert darauf gelegt, bestehende Ungleichheiten zu rechtfertigen, so dass auch diejenigen, die unten waren, glauben konnten, dass das, wie verteilt wurde, einigermaßen gerechtfertigt war. Man war wenigsten bemüht zu rechtfertigen. Bis hin zum absoluten Herrscher, dessen Gottesgnadentum Rechtfertigung war. Das zerbrach in der französischen Revolution.

Heute spricht man vor allem von der Ungleichheit der Lebenschancen und Möglichkeiten und stellt fest, dass diese enorm zugenommen hat. In den US verdient der durchschnittliche Arbeiter in einer großen Aktiengesellschaft heute ungefähr ein Dreihundertstel von dem, was der erste Manager verdient. Vor 30 Jahren war es ein Dreißigstel. 87 Menschen in dieser Welt haben mehr Vermögen, als die Hälfte der gesamten Menschheit. Selbst denjenigen, die privilegiert sind, fällt nichts mehr ein, um diese Ungleichheit zu rechtfertigen. Es wird hingenommen. Dann erfolgen soziale Proteste, Rückzug in Fundamentalismus, Terrorismus - großteils Reaktionsmuster von Ungleichheit. Menschen, die eigentlich das Potential haben an den Möglichkeiten mitzuwirken, auch einen Teil des gesellschaftlichen Reichtums zu erhalten, wird dies verwehrt.

Das gilt für unsere Gesellschaften nicht so extrem wie für andere, aber weltweit ist dies gegeben. Die Ungleichheit ist überall, hochvernetzt, nichtlinear – es dauert lange bis es plötzlich ausbricht – und stochastisch.

Verwundbarkeit unserer technischen Welt

Ich meine hier nicht nur Kernkraftwerke, sondern auch den gesamten Bereich des Internets, der so hoch verwundbar uns macht, dass einzelne Personen die Funktionalität dieser Systeme außer Kraft setzen können. Mit so großen Folgen, dass keiner sie haben will. Die Auseinandersetzung über amerikanische Geheimdienste, die alle unsere Daten haben wollen und die Frage der Sicherheit gegen Terrorismus, sind vor diesem Hintergrund zu sehen.

Ob man das gut oder schlecht findet, ist keine Frage. Wenn wir überall Kameras aufsetzten, könnten wir Morde verhindern Bei „normaler Kriminalität“ - 2 – 3 Personen pro 100 000 - will das niemand, damit können wir leben. Beim Cyberterrorismus ist es anders. Da reicht eine einzige, sehr gewitzte Person, um eine Verwundbarkeit auszulösen, die keiner haben will. Da kommen wir an die Grenze dessen, wo wir sagen: „Wollen wir diese hohe Verwundbarkeit zulassen und wollen wir dafür den Preis zahlen?“

Verlust der personalen Identität.

Identität ist eine Form der Selbstfindung des Menschen, sein Selbstbild.

Es gibt die berühmten Kränkungen von Freud: erstens, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht, zweitens die Darwin’sche Logik der Evolution, drittens das Unbewusstsein. Heute erleben wir eine vierte Kränkung. Diese wird davon gespeist, dass

i) unsere Maschinen teilweise Dinge übernehmen, von denen wir glauben das können nur Menschen,

ii) unsere Gehirnforscher sagen, dass es zumindest biodynamisch nicht stimmt, wenn wir glauben, dass wir freie Menschen mit einem freien Willen sind,

iii) unsere Gesellschaft das, was den Einzelnen ausmacht, immer weniger als Solchen nachfragt und somit Anonymisierung, Pluralisierung, aber auch ein Verlust an Geborgenheit damit einhergeht,

iv) ein Verlust an Sinnfindung eintritt. Es gibt genügend Angebote, aber wenige die überzeugen. In anderen Gesellschaften ist das anders.

Unter diesen Sichtweisen verlieren viele Menschen den Glauben an sich.

Wir haben, wie eingangs erwähnt, Krankheitsrisiken reduziert, die Sicherheit wesentlich verbessert, die Lebenserwartung wesentlich erhöht. In einem Punkt haben wir die Risiken verstärkt - im Bereich psychischer/psychosomatischer Erkrankungen. Bei den 1,28 % der Menschen, die in Österreich vor dem 65. Lebensjahr sterben, steht Krebs an erster Stelle, dann kommen kardiovaskuläre Erkrankungen und bereits an dritter Stelle steht der Suizid, noch vor dem Tod durch Unfälle. Es ist ein nahezu für alle OECD-Länder typisches Risiko, das systemisch für eine Gesellschaft steht, die offensichtlich dem einzelnen nicht mehr das geben kann, was er braucht um sich psychisch wohl zu fühlen. Unter all unserem materiellen Wohlstand ist dies ein Manko, mit dem wir zu rechnen haben.

Fazit

Es gibt viele Gefahren, vor denen wir uns fürchten und fürchten müssen.

Wir haben viele Risiken reduziert, wir haben also die Fähigkeit Risiken zu reduzieren. Wir haben uns dadurch aber auch neue Risiken aufgebaut, systemische Risiken, die die Funktionalität unseres Zusammenlebens bedrohen. Diese müssen wir angehen. Dass man den Menschen nicht Zynismus und Fundamentalismus beibringt als Reaktion auf die Moderne, sondern eine Form des reflektierten Humanismus , der es Menschen wieder ermöglicht mit eigenem Engagement daran zu gehen diese systemischen Risiken für die Zukunft und zukünftige Generationen zu reduzieren!


* Der Artikel ist die gekürzte Fassung des gleichnamigen Vortrags, den Ortwin Renn am 24. November 2014 im Festsaal der ÖAW in Wien gehalten hat. Ein Audio-Mitschnitt findet sich auf der Seite: http://www.oeaw.ac.at/kioes/gefahren.htm

**Eine faszinierende, ausführliche Behandlung des Themas ist kürzlich in Buchform erschienen:

Renn, O.: Das Risikoparadox. Warum wir uns vor dem Falschen fürchten. Frankfurt am Main (Fischer 2014). Daraus eine16-seitige Leseprobe: http://www.fischerverlage.de/media/fs/308/LP_978-3-596-19811-5.pdf und ein Video der Buchvorstellung:

Homepage des Autors: http://www.ortwin-renn.de/

Weiterführende Links

Ortwin Renn et al., (2007) Systemische Risiken: Charakterisierung, Management und Integration in eine aktive Nachhaltigkeitspolitik (PDF-Download)

Ortwin Renn et al., Die Bedeutung anthropogener Eingriffe in natürliche Prozesse: die Wechselwirkungen zwischen Naturgefahren und Risiken. (PDF-Download)

Interview mit O. Renn: http://www.zeit.de/2014/16/interview-risikoforscher-arbeit-sicherheit

Videos mit O.Renn

Scobel Risiko (2011) 58:04 min

"Riskante Zukunft? Was uns bedroht und wie wir es erkennen können" (2013) 46:54 min

Warum wir uns vor dem Falschen fürchten (2014) 45:51 min.



Kommentare

Das Dilemma mit dem Dilemma

es ist sicherlich zu verstehen, dass man nicht erst dann handelt, wenn man 100 % Gewißheit hat, welche Richtung man einschlagen muss.

Wann sollte man also handeln?

Man hat ja erst seit kurzem das Rüstzeug, um ein Analysieren und Beschreiben von Systemen überhaupt in Angriff nehmen zu können. Vielfach bleibt das noch ein sehr qualitatives Unterfangen. Qualitativ, was die Komponenten eines Systems betrifft und die Weise, in welcher diese interagieren. Vor allem fehlen aber meistens (wie z.B. in der Systembiologie) seriöse Daten zur Dynamik von Systemen.

Was ist also das Minimum an Wissen, das essentiell ist um für eine bestimmte Strategie zu entscheiden und andere abzulehnen?

Das sehe ich auch so. Ich

Das sehe ich auch so. Ich halte es mit Max Planck, der den Begriff "Wissen vor Anwendung" geprägt hat.

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