Gottfried Schatz (1936 – 2015) Charismatischer Brückenbauer zwischen den Wissenschaften, zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

Fr, 02.10.2015 - 13:45 — Inge Schuster

Inge SchusterIcon Wissenschaftsgeschichte„Wissenschaft ist keine Hüterin von Stabilität und Ordnung, sondern eine unverbesserliche Revolutionärin, die unablässig kreative Unruhe stiftet. Sie macht unser Leben nicht ordentlicher oder ruhiger, sondern freier und interessanter. Innovative Wissenschaft missachtet Dogmen und verunsichert, ebenso wie innovative Kunst.“ (G. Schatz [1])

Das letzte Mal habe ich Jeff Schatz am 23. Juni dieses Jahres getroffen. Er war nach Wien gekommen, um hier am renommierten Institut für Molekulare Pathologie (IMP), aus seinem Roman „Postdoc“ zu lesen. Seine Tochter Kamilla, eine großartige Violinistin, begleitete ihn, umrahmte die Lesung musikalisch. Es war eine Veranstaltung, die Jeff in vielen seiner Facetten zeigte. Die Textstellen demonstrierten sein hohes literarisches Talent, seinen Reichtum an farbigen Details und seine meisterhafte Beherrschung sprachlicher Ausdrucksformen, die Inhalte sein immerwährendes Plädoyer für die Naturwissenschaften, aber auch ein Aufzeigen der Gedanken- und Gefühlswelt des Forschers. Die Brücke von der Wissenschaft zur Kunst – ein besonderes Anliegen von Jeff Schatz, der ja selbst ein virtuoser Musiker war - schlug seine Tochter Kamilla.

Jeff und Kamilla SchatzAbbildung 1. Jeff und Kamilla Schatz bei der Lesung aus dem „Postdoc“ am 23.6.2015 am IMP

Wer war Jeff Schatz? (Fast leichter zu beantworten wäre: wer war er nicht?)

Er war vor allem ein höchst renommierter Wissenschafter, ein Vollblutforscher; um es in seinen eigenen Worten auszudrücken: Seine „Heimat war nicht das gesicherte Wissen, sondern dessen äusserste Grenze, wo Wissen dem Unwissen weicht“[1]. Wir verdanken ihm fundamentale Erkenntnisse vor allem im Gebiet der Mitochondrien. Bereits früh, als Postdoc (wie die Zentralfigur seines Buches verbrachte er diese Zeit in einem Labor in New York) hatte er im wahrsten Sinn des Wortes Feuer gefangen: er untersuchte mechanistische Details zur oxydativen Phosphorylierung in Mitochondrien, des wesentlichen energieliefernden „Verbrennungs“-Prozesses aller höheren Lebewesen [2]. Berühmt wurden vor allem seine Arbeiten zur Biogenese von Mitochondrien und die Entdeckung der in diesen enthaltenen DNA, ebenso wie auch die Aufklärung des Transports von Proteinen in diesen Zellorganellen.

Von besonderer Wichtigkeit war für Schatz immer die Wissenschaftskommunikation, eine Brücke zu bauen: als akademischer Lehrer zur Jugend, als charismatischer Redner und Essayist zur Öffentlichkeit, als Forschungspolitiker zu den Regierenden. Schatz hat es verstanden Jung und alt mit dem Feuer zu infizieren, das in ihm brannte, zu überzeugen, dass „es Menschen braucht, die sehen, was jeder sieht, dabei aber denken, was noch niemand gedacht hat. Es braucht Menschen, die intuitiv erkennen, dass der von allen gesuchte Weg von A nach C nicht über B führt - wie jeder vermutet - sondern über X oder Z. All dies erfordert intellektuellen Mut. Er ist die wichtigste Gabe eines Forschers.” [1].

Schatz bei seiner FestanspracheAbbildung 2. Schatz bei seiner Festansprache anlässlich des Jubiläums 650 Jahre Universität Wien (Quelle: Universität Wien)

Wir sind dankbar, dass wir Jeff Schatz kennen und von ihm lernen durften.


[1] Gottfried Schatz: Universitäten – Hüterinnen unserer Zukunft . Rede anlässlich des Festaktes 650 Jahre Universität Wien. http://scienceblog.at/universitaeten-hueterinnen-unserer-zukunft#.

[2] Diesen Werdegang hat Gottfried Schatz in einer Autobiographie beschrieben, die er dem berühmten Biochemiker Efraim Racker, dem Betreuer seiner Postdoc Zeit in New York, widmete: Feuersucher. Die Jagd nach dem Geheimnis der Lebensenergie (2011). Wiley-VCH Verlag & Co KGaA.


Wer Jeff Schatz näher kennenlernen möchte:

Er ist der Hauptautor von ScienceBlog.at; Sein Lebenslauf findet sich unter: http://scienceblog.at/gottfried-schatz

Er hat uns 37 Essays zur Verfügung gestellt, die links zu diesen finden sich ebenso unter http://scienceblog.at/gottfried-schatz

Eine Rezension des Postdoc ist nachzulesen unter: Postdoc – eine Suche nach dem Ich http://scienceblog.at/postdoc.



Kommentare

Traurig machend

Ich habe Gottfried Schatz Essays erst vor 3, 4 Monaten entdeckt und war von diesen vollkommen entzückt. im Septemberurlaub nahm ich sein Buch "Feuersucher" mit. Es war eine gehaltvolle Lektüre.
Herr Schatz wirkte noch so jung und tatkräftig. Daher unglaublich, daß er von uns gegangen ist.

Besonders empfehlenswert:

Gottfried Schatz in einer Folge der "Sternstunden der Philosophie" im Gespräch mit der TV-Moderatorin und Philosophin Katja Gentinetta.

Es ist ein 55 min. Gespräch, das uns den begeisterten und begeisternden Wissenschafter klar vor Augen führt, ebenso wie den Menschen Schatz, sein Charisma, seine - geradezu - Demut vor der Wissenschaft, seine wunderbare, druckreife Sprache. Es gibt bei ihm keine Worthülsen, keine Leerläufe. Er nennt die Dinge beim Namen, ob es sich nun um Gentechnik handelt, um "fundamentalistische Randgruppen, die heute politische Entscheidungen bestimmen" oder um die Tatsache, "dass in den Parlamenten Europas Soziologen, Juristen, Bauernvertreter, Wirtschaftsvertreter sind, aber ganz selten Menschen, die etwas von Wissenschaft verstehen".

Gottfried Schatz: Das Rätsel unserer Lebensenergie: https://www.youtube.com/watch?v=g3l8M596BKI
( Erstausstrahlung im Schweizer Fernsehen am 22.11.2011)

Dieses Gespräch ist wirklich eine Sternstunde,

man würde sich wünschen, dass alle Lehrer der naturwissenschaftlichen Fächer (und nicht nur diese) sich das Gespräch ansehen und es vielleicht auch zur Diskussionsgrundlage machen.

Video

Ja, das Video kannte ich schon und darauf bezog sich mein 1. Kommentar.
Ein wunderbarer Streifen!

"Gottfried Schatz war unabhängig und unbequem" -

schreibt Christoph Kratky (FWF-Präsident 2005 - 2013) in seinem berührenden Nachruf - "wir werden ihn vermissen".
http://www.fwf.ac.at/de/news-presse/news/.

Wir vermissen ihn bereits!

Einen sehr schönen Nachruf auf Jeff Schatz

hat Mathias Plüss unter dem Titel "Das Feuer des Lebens" für das Schweizer blog.dasmagazin verfasst:

http://blog.dasmagazin.ch/2015/10/10/das-feuer-des-lebens/

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