Open Science (Freies Wissen) – ein Abend auf der MS Wissenschaft

Icon Politik & GesellschaftInge SchusterEin umgebautes Frachtschiff tourt seit mehreren Jahren als schwimmendes Science-Center „MS Wissenschaft“ durch Deutschland und Österreich - jedes Jahr unter einem anderen Motto. Im Schiffsbauch finden Ausstellungen in Form einer „Wissenschaft zum Anfassen“ statt, in einem Zeltaufbau an Deck Vortrags-und Diskussionsveranstaltungen. Im Rahmen des diesjährigen Motto „Digital unterwegs“ gab es vor wenigen Tagen in Wien die Veranstaltung: „Dialog an Deck: Wissenschaft und Freies Wissen - Fortschrittsmotor und Gemeingut der Informationsgesellschaft".

Mit unglaublicher Rasanz hat das digitale Zeitalter von uns Besitz ergriffen. Digitale Technologien sind aus Beruf und Privatleben nicht mehr wegzudenken. Neue Kommunikationsformen vernetzen auf unserem Globus Jeden mit Jedem, verändern die sozialen und ökonomischen Fundamente unserer Lebensumwelt und damit unsere Gesellschaften. Wissenschaft und Forschung haben diese Revolution ausgelöst und treiben den Prozess weiter fort, werden aber in gleicher Weise von diesem verändert. In einer Art von Goldgräberstimmung werden in den meisten Wissenszweigen unabsehbar große Datenmengen - „Big Data“ - generiert und gespeichert in der Hoffnung deren enormes Potential in positiver Weise nutzen zu können. Ein möglichst breiter und freier Zugang zu Forschungsergebnissen bietet beispiellose Chancen, birgt aber Risiken, die heute noch kaum absehbar sind.

Digitale Gesellschaft und „Open Science“ im Wissenschaftsjahr 2014

Das Deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung ruft seit mehr als einem Jahrzehnt Wissenschaftsjahre aus, die wichtigen Disziplinen gewidmet sind. In Zusammenarbeit mit dem Ministerium organisiert dann die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ zahlreiche Veranstaltungen, mit dem Ziel Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch zu bringen und vor allem das Interesse der Jugend für Forschung zu wecken. Heuer steht das Thema der digitalen Revolution und deren Folgen für unsere Gesellschaft im Mittelpunkt. Wie auch in den vergangenen Jahren wurde die MS Wissenschaft quer durch Deutschland und Österreich auf Tour geschickt, diesmal mit der Ausstellung „Digital unterwegs“ und thematisch entsprechenden Vortrags-und Diskussionsveranstaltungen.

Nach viereinhalb Monaten und insgesamt 38 Stationen ging die Reise nun in Wien zu Ende. Die letzte Veranstaltung an Bord der MS Wissenschaft befasste sich unter dem Titel „Wissenschaft und Freies Wissen - Fortschrittsmotor und Gemeingut der Informationsgesellschaft“ mit dem Thema der “Open Science“. Dieser Vortrags- und Diskussionsabend erhielt Unterstützung vom Fond zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) und wurde von den Wikimedia-Vereinen Österreich, Deutschland und Schweiz und der Open Knowledge Foundation aus Österreich und aus Deutschland organisiert.

ImpressionenImpressionen von der MS Wissenschaft. Oben: Es wird bereits Abend, als die Veranstaltung beginnt. Mitte: „Dialog an Deck“ das Podium B.Brembs, S.Spiekermann, C-H.Buhr, W.Eppenschwandtner, G.Dubochet (von l nach r). Unten: der Ausklang – viele Teilnehmer sind schon gegangen.

Offenheit der Wissenschaft im digitalen Zeitalter…

Dies wurde in Form von Podiumsdiskussionen unter reger Beteiligung der Zuhörer erörtert, wobei Kurzvorträge (a 5 min.) als Impulsgeber fungierten. Das Podium war mit hochkarätigen Experten aus Wissenschaft und europäischer Politik und engagierten Verfechtern von „Open Science“ besetzt. Es waren dies:

  • der Neurobiologe Björn Brembs, Professor an der Universität Regensburg,
  • die Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann (Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien), die seit über 10 Jahren zu sozialen Fragen der Internetökonomie und Technikgestaltung forscht und Beraterin bei der EU-Kommission und OECD ist,
  • der Wirtschafts- und Computerwisssenschafter Carl-Christian Buhr, der als Mitglied im Kabinett der EU-Kommissionsvizepräsidentin für Digitale Agenda (u.a. Cloud Computing, Big Data strategy, Digital Futures) zuständig ist,
    der Mathematiker Wolfgang Eppenschwandtner, der „Executive Coordinator“ der Plattform „Initiative for Science in Europe“ ist und
  • der Computerwissenschafter Gille Dubochet, der Senior Scientific Officer für Ingenieurwissenschaften bei „Science Europe“ ist, einer neuen Vereinigung von „European Research Funding Organisations“ (RFO) und „Research Performing Organisations“ (RPO) in Brüssel.

…was hat man sich darunter vorzustellen, was wäre erstrebenswert, was wurde erreicht?

Open Science

Feststeht: eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „Open Science“ - offene Wissenschaft - existiert (noch) nicht. Jedenfalls sollte aber der wissenschaftliche Prozess von der ersten Idee bis zur finalen Publikation geöffnet werden, um diesen möglichst nachvollziehbar und für alle nutzbar zu machen. Der Vorstellung der Open Knowledge Foundation (OKF) entsprechend sollte dies bedeuten: “free to use, re-use and re-distribute for all”, also ein auf rechtlicher Ebene Verwenden, Abändern sowie Weitergeben von Wissen.

Aus Platzgründen kann hier nur eine sehr unvollständige Wiedergabe der rund eineinhalb Stunden dauernden Veranstaltung gegeben werden. Für grundlegend hielt ich die sechs Prinzipien, die Stefan Kasberger (OKF Austria, OKFAT) in seinem Einführungsvortrag als Basis von „Open Science“ nannte:

  • Open Methodology: eine relevante Dokumentation von Methoden und ihrer Anwendung
  • Open Source: Verwendung quelloffener Technologie (Soft- und Hardware) und Offenlegung eigener Technologien
  • Open Data: Erstellte Daten frei zur Verfügung stellen
  • Open Access: offen publizieren, für jeden nutzbar und zugänglich machen
  • Open Peer Review: Transparente und nachvollziehbare Qualitätssicherung durch offenen Peer Review
  • Open Educational Resources: Freie und offene Materialien für Bildung und in der universitären Lehre verwenden

Nach der Klärung, dass der Begriff „Science“ sich im Wesentlichen auf (angewandte) Naturwissenschaften bezieht, gab es eine rege Diskussion zur Veröffentlichungspraxis. B.Brembs etwa meinte, dass die Art und Weise, wie heute noch immer Daten veröffentlicht werden, den Einzug in Digitale Zeitalter völlig verschlafen habe – dem und der Akzeptanz zu „Open Access“ wurde von Podium und Publikum weitgehend zugestimmt. Als bereits existierendes Vorbild einer auf „Open Access“ beruhenden Kooperation wurde das Polymath-Projekt genannt, in welchem zahlreiche Leser eine Blogs kommunizierten, um Lösungen für ein schwieriges mathematisches Problem zu finden. In der Frage nach der Öffnung der Technologien gab es dagegen unterschiedliche Meinungen – von absolut notwendig bis hin zu impraktikabel, da viel zu aufwendig (dagegen wurde die bereits bestehende und durchaus erfolgreiche Praxis bei z.B. ResearchGate eingewendet). Auch beim Ersatz des heute praktizierten Peer-Review gab es unterschiedliche Ansichten (meiner Ansicht nach ist es ein Ersetzen eines - zugegebenermaßen - unbefriedigenden Filters durch ein noch viel mehr durch Willkür gekennzeichnetes Vorgehen.)

Open data

Der darauffolgende Impulsvortrag von Peter Kraker (TU Graz und OKFAT) leitete die Diskussion zu „Open data“ ein. Open Data bedeutet Untersuchungsergebnisse zu veröffentlichen ohne deren weitere Verwendung einzuschränken, wie dies bereits in der Erstellung und Nutzung von offenen Datenbanken der Fall ist.

Kraker verwendete ein aktuelles Beispiel, um aufzuzeigen, wie wichtig es ist auf breite offene Datenbanken zugreifen zu können: Um die Ursache des Bienensterbens zu untersuchen, hatte die amerikanische Biologin Diana Cox-Foster die von Mikroorganismen stammende Erbinformation mehrerer Kolonien erkrankter Bienen mit der von gesunden Bienenvölkern verglichen. Sowohl gesunde als auch kranke Bienen waren von einer Fülle von Bakterien, Pilzen und Viren besiedelt. Der Vergleich mit in Datenbanken gespeicherten Sequenzen ermöglichte rasch und ohne langdauernde, komplizierte und kostenintensive Untersuchungen ein Virus (IAPV) zu identifizieren, das nahezu ausschließlich in den kranken Bienen vorkam und damit Auslöser für das Bienensterben sein dürfte.

Offene Datenbanken gibt es weltweit bereits sehr viele, beispielsweise in Europa die Datenbanken des European Bioinformatics Intitute EMBL-EBI zu biologischen Fragestellungen (http://www.ebi.ac.uk/), in den USA die GenBank des National Center for Biotechnology Information (NCBI) oder die japanische DNAdatabank. Auch dafür, wie publizierte Daten am besten zugänglich gemacht und wiederverwendet werden können, gibt es klare Empfehlungen, die der englische Chemiker Peter Murray-Rust in den Panton Principles festgelegt hat.

Die Diskussion zum Thema „Open Data“ berührte vor allem die Fragen: wo sind Open Data notwendig, was geht verloren, wenn diese nicht vorhanden sind? Zweifelsfrei wurde das Beispiel von "Offene Daten Österreichs“ –https://www.data.gv.at – als sehr positiv vermerkt. Diese Datenbank kann freigenutzt werden – zur persönlichen Information und auch für kommerzielle Zwecke wie Applikationen oder Visualisierungen - und stellt einen Meilenstein in der Transparenz der öffentlichen Verwaltung dar, die ja mit öffentlichen Geldern finanziert wird.

Schwierigere Fragen waren: Wem gehören die offenen Daten? Inwieweit werden Daten verwendet/abgeändert ohne den Urheber zu zitieren? Welche negativen Auswirkungen auf die wissenschaftliche Karriere sind damit zu befürchten? Hier ist zweifellos die Politik gefordert Standards zu setzen, neue Maßstäbe für die Bewertung und Akzeptanz wissenschaftlicher Arbeiten zu entwickeln und damit Barrieren der wissenschaftlichen Karriere abzubauen. Öffentliche Befragungen und Workshops zu diesen Themen sollen in Abwägung des öffentlichen Nutzens zu entsprechenden Empfehlungen der EU-Kommission führen.

Citizen Science

Auf Grund der bereits stark fortgeschrittenen Zeit geriet der letzte Abschnitt des Programms leider ziemlich kurz. Der Biophysiker Daniel Mietchen (Museum für Naturkunde Berlin/Wikimedia DE/Wikimedia CH/Open Knowledge Foundation DE) referierte über ein Thema, das auch ein zentrales Anliegen unseres ScienceBlog ist: Wie können wissenschaftliche Laien für wissenschaftliche Fragestellungen interessiert werden, in die Durchführung von Forschungsprojekten einbezogen werden?

Um die erstrebte Relation von Wissenschaftern und Bevölkerung darzustellen, verwendete Mietchen die Metapher der Fußballweltmeisterschaft: während nur wenige Mannschaften zu je 11 Personen aktiv sind, verfolgen mit großem Interesse Millionen Menschen die Spiele, den gesamten Prozess und geben Kommentare ab. Ein derartiges Interesse kann auch für die Wissenschaft geweckt werden. Dies zeigen zahlreiche naturwissenschaftliche Projekte, für die Laien Beobachtungen, Messungen und Datenauswertungen zur Verfügung stellten. Beispiele reichen von einem Atlas der Mücken Deutschlands bis hin zur Entdeckung von Asteroiden oder dem Design von Proteinstrukturen.

Fazit

Das Thema Open Science/Open Data steht im Mittelpunkt der Wissenschaftskommunikation.

Die Veranstaltung glänzte durch hochkarätige Experten und war gut besucht (das Vortragszelt war fast voll).

Viele Anregungen kamen aus den Impulsvorträgen, die in minimaler Zeit ein Maximum an Information boten.

Leider war der Zeitrahmen viel zu kurz bemessen, die Diskussionen kamen zu kurz, einige meiner Ansicht nach wichtige Fragen wurden nicht berührt - vor allem das Problem der Wissenschaftskommunikation in einer für Laien verständlichen Form – also „understandable open data“.


Weiterführende Links

Zur MS Wissenschaft: Video 1:50 min auf http://www.ms-wissenschaft.de/

Innovation im digitalen Zeitalter mit Dr. Sarah Spiekermann Video 1:50 min http://www.youtube.com/watch?v=raghScJmJZ8

Offene Daten Österreichs Video https://www.data.gv.at/infos/video-was-ist-open-data/

P. Kraker et al., The Case for an Open Science in Technology Enhanced Learning http://know-center.tugraz.at/download_extern/papers/open_science.pdf

Bienensterben in den USA Ein Virus bringt die Bienen um.

http://www.sueddeutsche.de/wissen/bienensterben-in-den-usa-ein-virus-bri... (abgerufen am 18.9.2014)

Panton Principles http://pantonprinciples.org/



Kommentare

Vielen Dank für die

Vielen Dank für die Zusammenfassung! Leider konnte ich nicht dabei sein. Es freut mich, dass die Veranstaltung offenbar gut besucht war.
Zu www.data.gv.at: Zweifellos eine gute Initiative und grundsätzlich ja ein guter Ansatz. Leider sind die abrufbaren Datensätze aber noch sehr spärlich. Zum Herumstöbern ganz nett, bei einer konkreten Fragestellung bin ich hier aber noch ganz selten fündig geworden. Von tatsächlicher Transparenz sind wir noch weit entfernt, aber zumindest wird das Thema vermehrt diskutiert.

Eine hervorragende Zusammenfassung

mein Kompliment! Auch wenn ich selbst anwesend war, so ist diese Nachschau eine enorme Hilfe, das Geschehene noch einmal Revue passieren zu lassen!

Danke,

für die Anerkennung!

Was mich eigentlich wundert, ist, dass "open science" der Presse offensichtlich nicht einmal eine Randnotiz wert war.

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