Wie sich die globale Biomasse der Säugetiere seit 1850 entwickelt hat

Do, 05.03.2026 — Redaktion

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An der Schnittstelle von Systembiologie und Nachhaltigkeit untersucht ein Team um Ron Milo (Professor am Weizmann-Institut, Rehovot) die neue Ära des Anthropozäns aus einer ganzheitlichen quantitativen Perspektive. Bereits 2023 hatte das Team einen quantitativen Überblick über die gegenwärtige Masse der wilden Säugetiere im Vergleich zur Masse der Menschheit und deren Nutztiere vorgestellt. In einer neuen Untersuchung haben die Forscher nun eine quantitative Sicht auf die in den letzten zwei Jahrhunderten vom Menschen verursachten Veränderungen in der Zusammensetzung der Säugetierbiomasse erarbeitet.

Zur Vermessung der Biosphäre

Biologische Systeme sind über sehr lange Zeit in rein qualitativer Weise beschrieben worden - d.h. ohne konkrete Schlüsselzahlen und Formeln. Der Versuch einer Quantifizierung scheiterte häufig daran, dass es immer schwieriger wurde aus der exponentiell wachsenden Fachliteratur Daten zu extrahieren, die relevant und auch korrekt waren. Mit dem Background von Physik und Mathematik hat sich der Systembiologe Ron Milo (Professor am Weizmann Institut of Sciences, Rehovot) der Aufgabe gestellt, Schlüsseldaten der Biosphäre zu erheben. 2007 gründete er die frei zugängliche BioNumbers Datenbank, die erstmals einen schnellen Zugriff auf Daten ermöglicht, welche das Leben von Zellen charakterisieren wie Größe, Konzentrationen, Energien und Geschwindigkeiten [1]. Zusammen mit Rob Phillips (California Institute of Technology) verfasste Milo das online frei zugängliche Buch: „Cell Biology by the Numbers“ (https://book.bionumbers.org/), das schon von mehr als einer Million Menschen genutzt wurde. Rechnergestützt kuratiert Milo zusammen mit seinem Team nun Daten zur Quantifizierung der Biosphäre, um ein ganzheitliches Verständnis der globalen Ökologie voranzutreiben und damit die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die Biosphäre besser zu erfassen und so regulierend eingreifen zu können. Über einige dieser Quantifizierungen hat der ScienceBlog berichtet (siehe unten).

Eine neue Untersuchung gibt einen quantitativen Überblick über die Veränderungen der globalen Masse der Säugetiere, die durch menschliche Aktivitäten im Zeitalter des Anthropozän verursacht wurden [2].

Säugetiere im Anthropozän

In den letzten 10.000 Jahren haben sich die Menschen immer weiter auf dem Globus verbreitet und ihr Fußabdruck ist immer größer geworden. Die technologischen Innovationen im 19. Jahrhundert haben diese Beanspruchung enorm beschleunigt, dabei ist die menschliche Bevölkerung weltweit von 1,2 Milliarden im Jahr 1850 auf die heutigen 8 Milliarden angewachsen. Ein immer größer werdender Verbrauch natürlicher Ressourcen, der Verlust natürlicher Lebensräume und diverse menschliche Aktivitäten haben starken Druck auf Wildtiere ausgewirkt und zu einem dramatischen Rückgang vieler Arten geführt. Im Gegenzug haben die Populationen von domestizierten Tieren, deren Verbrauch von Ressourcen und deren Folgen auf Ökosysteme immer stärker zugenommen.

Aktueller Status

Abbildung 1. Globale Biomasseverteilung von Säugetieren. Voronoi-Diagramm; die Fläche jeder Zelle ist proportional zur Biomasse der einzelnen Art/Gruppe. Unten: vergrößerte Ansicht der Biomasse wilder Landtiere (links) und Meeressäuger (rechts). (Bild aus Greenspoon L et al., 2023,

https://doi.org/10.1073/pnas.2204892120.

.

Den aktuellen Bestand der weltweiten Säugetierpopulationen – das sind Wildtiere, domestizierteTiere und wir Menschen - haben Milo und sein Team 2023 erstmals abgeschätzt [3]. Sie haben dazu die Biomasse der einzelnen Arten herangezogen, eine Maßzahl, die Arten mit sehr unterschiedlicher Körpergröße vergleichbar macht und direkte Relevanz für die Auswirkungen einer Art auf ihre Umwelt hat. (Biomasse: die Anzahl der Individuen multipliziert mit deren durchschnittlicher Körpermasse (Nassgewicht).) Zur Schätzung der globalen Populationen lagen in der Literatur nur für 392 von insgesamt rund 5 000 Säugerarten detaillierte Angaben zu Artenhäufigkeit, Verbreitungsgebiet und Verteilung innerhalb dieses Gebiets vor. Hinsichtlich der Wildtiere sind in diesen Angaben etwas mehr als 50 % der Biomasse abgedeckt. Mit Hilfe eines maschinellen Lernmodells konnte eine Schätzung der Biomassen verbleibender (zumeist kleiner) Arten prognostiziert werden, die zwar für einzelne Arten große Unsicherheiten haben dürfte, in Summe aber realistische Größen der Biomasse ergeben sollte.

Aus dieser Quantifizierung geht hervor, dass die gesamte Biomasse der Säugetiere heute etwa 1100 Millionen Tonnen (Mt) beträgt und vom Menschen (etwa 390 Mt) und seinen domestizierten Tieren (etwa 630 Mt) dominiert wird. Abbildung 1.

Terrestrische Wildtiere haben dagegen eine Gesamtbiomasse von nur etwa 20 Mt, Meeressäuger von etwa 40 Mt. Von den Nutztieren weisen Rinder die größte Biomasse (etwa 420 Mt) auf, gefolgt von Tierarten, die für den Fleisch- und/oder Milchkonsum gehalten werden und von Lasttieren. Ein erstaunliches Ergebnis gibt es hinsichtlich unserer Haustiere: Die Biomasse von Hunden (etwa 20 Mt) ist gleich hoch, wie die aller Wildtiere an Land, die Biomasse von Hauskatzen (2 Mt) rund 2 mal so hoch wie die des afrikanischen Savanne-Elefanten.

Die Veränderungen seit 1850,

dem Beginn der industriellen Revolution, sind dramatisch. Lag ursprünglich die Biomasse aller wilden Säugetiere (200 Mt) etwa gleichauf mit der Biomasse von Mensch plus domestizierten Tieren (insgesamt 200 Mt), so machen sie heute nur mehr rund ein Zwanzigstel der globalen Säugetiermasse von 1100 Mt aus. Abbildung 2.

Abbildung 2. Zeitverlauf der Biomasse von Säugetieren seit 1850. Oben: Gesamt-Biomasse von Mensch und domestizierten Tieren, unten: Gesamtbiomasse von wilden im Meer und an Land lebenden Säugetieren. Schwarze Zahlen: Schätzungen der absoluten Biomasse, graue Zahlen: Anteil an der gesamten Säugetier-Biomasse. (Bild aus Greenspoon L et al., 2025,

https://doi.org/10.1038/s41467-025-63888-z. Lizenz: cc-by-nc-nd.)

Die Weltbevölkerung ist nicht nur von 1,2 Milliarden auf 8 Milliarden Menschen gewachsen, es hat auch das durchschnittliche Körpergewicht der Erwachsenen um etwa 30 % zugenommen; die globale menschliche Biomasse ist damit um das Achtfache von etwa 50 Mt auf 420 Mt gestiegen. Ebenso hat die Biomasse der Nutztiere von etwa 130 Mt auf 640 Mt zugenommen, ein Mehr an Tieren, die auf auf höheren Ertrag , d.i. höheres Körpergewicht gezüchtet wurden. Die Biomasse der Rinder, die rund zwei Drittel der gesamten Säugetierbiomasse ausmachen, hat sich seit 1850 vervierfacht, die anderer Nutztiere – Schweine, Schafe, Ziegen, etc. - bis zu verzehnfacht. Eine Ausnahme bilden Pferde, deren Biomasse bis 1920 ebenfalls stieg, dann aber wieder auf ähnliche Werte wie im Jahr 1850 abfiel. Eine grobe Schätzung der Biomasse unserer Haustiere und der Begleittiere unserer Zivilisation (Mäuse, Ratten) zeigt einen vierfachen Anstieg auf etwa 20 Mt.

Im Gegensatz dazu ist die Biomasse der wilden Säugetiere von rund 200 Mt auf nunmehr 60 Mt geschrumpft. Dabei wurden die terrestrischen Wildsäugetiere von etwa 50 Mt auf 20 Mt reduziert. Allein die Biomasse des afrikanischen Elefanten war 1850 so groß, wie heute die Biomasse aller terrestrischen Wildsäugetiere zusammen. Die Biomasse der Meeressäugetiere wurde um rund 70 % auf etwa 40 Mt reduziert. Große Walarten wie Blauwal, Buckelwal, Finnwal und Pottwal, die für rund 80 % der Biomasse von Meeressäugern stehen, wurden mit neuen Jagdtechniken bis in die 1980er Jahre sehr stark bejagt. Erst ein Moratorium der Interrnationalen Walfangkommission stoppte den industriell betriebenen Walfang und damit den Rückgang der Meeressäuger.

Fazit

Die Studie gibt eine quantitative Schätzung wie der Mensch die globale Biomasse der Säugetiere im Anthropozän umgeschichtet und verändert hat. Während diese zu Beginn der industriellen Revolution in einem 1 : 1 Verhältnis von Mensch plus seinen domestizierten Säugetieren zu wild lebenden Säugetieren stand, so hat sich das Verhältnis durch Wachstum von Weltbevölkerung und Nutztieren und Reduktion der Wildtiere bis heute zu 20 : 1 verschoben. Wild lebende Säugetiere machen nur mehr rund 5 % der globalen Säugetier-Biomasse aus. Es ist offensichtlich, dass damit die ökologische Funktion der Wildtiere für Böden, Wälder, Gewässer und insgesamt für Nahrungketten mehr und mehr abnimmt, und andererseits durch die Dominanz von Mensch und Nutztieren der Land- und Ressourcenverbrauch immer mehr gesteigert wird.


[1] Milo et al. BioNumbers database . Nucl. Acids Res. (2010) 38 (suppl 1): D750-D753. http://bionumbers.hms.harvard.edu/

[2] Greenspoon, L., et al., The global biomass of mammals since 1850. Nat Commun 16, 8338 (2025). https://doi.org/10.1038/s41467-025-63888-z

[3] Greenspoon L. , et al., The global biomass of wild mammals PNAS 2023, 120, 10. https://doi.org/10.1073/pnas.2204892120


Studien der Ron Milo Gruppe im ScienceBlog:

Redaktion, 28.10.2023: Die Vermessung der menschlichen Immunzellen.

Redaktion, 18.02.2023: Was da kreucht und fleucht - Wie viele Gliederfüßer (Arthropoden) leben im und über dem Boden und wie hoch ist ihre globale Biomasse?

Redaktion, 10.02.2023: "Macht Euch die Erde untertan" - die Human Impacts Database quantifiziert die Folgen.

Redaktion, 22.12.2016: Kenne Dich selbst - aus wie vielen und welchen Körperzellen und Mikroben besteht unser Organismus?

Redaktion, 29.12.2016: Wie groß, wie viel, wie stark, wie schnell,… ? Auf dem Weg zu einer quantitativen Biologie