Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft - Gustav Klimts Deckengemälde für die Universität Wien

Do, 12.09.2019 — Alberto E. Pereda

Alberto E. PeredaIcon WissenschaftsgeschichteAn der Wende des 19. Jahrhunderts wurde der österreichische Künstler Gustav Klimt beauftragt, die Decke des Großen Festsaals der Universität Wien auszuschmücken. Die drei von ihm geschaffenen Bilder - "Philosophie", "Medizin" und "Jurisprudenz" - wurden jedoch von der Universität abgelehnt und später im Zweiten Weltkrieg beim Rückzug der deutschen Truppen zerstört. An Hand der Geschichte dieser Gemälde und eines weiteren Bildes mit dem Namen "Goldfische" zeigt der Neurobiologe Alberto E. Pereda (Albert Einstein College of Medicine, NY) Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Wissenschaft auf und weiter bestehende Spannungen in den Beziehungen zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft.*

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr die Stadt Wien eine gravierende Umgestaltung. Das Herzstück dieser Veränderung war der Ersatz der alten Stadtmauern durch eine breite Allee, die Ringstraße, welche Platz für den Bau einer Reihe neuer öffentlicher Gebäude bot (Rentetzi, 2004).

Die Modernisierung des architektonisches Erscheinungsbildes der Stadt spiegelte sich in der Entwicklung von Künsten und Wissenschaften wider, die in dieser Zeit ein neues Niveau von Exzellenz erreichte. In der Vereinigung Wiener Secession, die unter anderem von Gustav Klimt angeführt wurde, schlossen sich Künstler zusammen, die sich von etablierten Kunstorganisationen und staatlicher Kontrolle losmachten, um Ideen der Moderne zu erarbeiten, wie sie in Berlin, München und anderen europäischen Städten aufkamen.

In den Wissenschaften katapultierte die Zweite Wiener Medizinische Schule unter Leitung von Carl von Rokitansky Wien in den Mittelpunkt der modernen westlichen Medizin. Rokitansky führte wissenschaftlichere Ansätze in die Medizin ein und war ein Pionier auf dem Gebiet der Pathologie. Weitere prominente Ärzte in Wien um diese Zeit waren der Chirurg Theodor Billroth, der Kliniker Josef Skoda und der Anatom Josef Hyrtl. Dazu kam der deutsche Physiologe Ernst Wilhelm Brücke, der (zusammen mit Emil Du Bois-Reymond, Carl Ludwig und Hermann von Helmholtz) argumentierte, dass alle physiologischen Prozesse durch zugrunde liegende physikalische oder chemische Mechanismen erklärt werden können, was im Widerspruch zur damals vorherrschenden Theorie des "Vitalismus" stand (White, 2006).

Brücke spielte eine herausragende Rolle in der wissenschaftlichen Entwicklung der Universität. Zu den von ihm Ausgebildeten zählten u.a. Ludwig Mauthner, dessen Beschreibung der Nervenzellen in Fischen (Seyfarth and Zottoli, 1991) für meine eigene Forschung seit nunmehr dreißig Jahren von zentraler Bedeutung ist, und Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse. Der Einfluss von Brücke und Helmholtz veranlasste Freud, sich den menschlichen Geist als einen Strom psychologischer "Energie" oder Triebenergie (Libido) vorzustellen, der sich (wie im Helmholtzschen Gesetz von der Erhaltung der Energie) kontinuierlich in Gedanken und Verhaltensweisen verwandelt.

Interaktionen zwischen Wissenschaftlern und Künstlern waren im intellektuell wissbegierigen Wien weit verbreitet, und Ideen der Moderne in Kunst und Wissenschaft prallten regelmäßig mit den traditionell konservativen Werten der Wiener Gesellschaft zusammen (Kandel, 2012). Brückes materialistische Ansichten zur Wissenschaft wurden von Hyrtl abgelehnt, der das traditionelle philosophische und religiöse Dogma zu Wissenschaft und Medizin favorisierte (Seebacher, 2006). In der Welt der Kunst waren die Spannungen weniger offenkundig, da die Secessionsbewegung - obwohl unabhängig - vom Staat gesponsert wurde. Wie wir sehen werden, änderte sich allerdings die Situation, als die Universität Wien Klimt mit der Produktion einer Reihe von Gemälden beauftragte.

Deckengemälde der Universität Wien

Gustav Klimt wurde 1862 in eine Familie von Goldgraveuren hineingeboren und widmete sein Leben der Kunst. Im Jahr 1894 - als Klimt durch seine Arbeiten in Gebäuden der Ringstraße schon Bekanntheit erlangt hatte - wurden er und sein Mitarbeiter Franz Matsch eingeladen, fünf Tafeln für die Decke des Großen Festsaals der Universität Wien zu malen: ein zentrales Bild ("Der Triumph des Lichts über die Finsternis") umgeben von vier allegorischen Gemälden für die vier Fakultäten. Matsch sollte die mittlere Tafel und eine Tafel "Theologie" malen, während Klimt "Philosophie", "Medizin" und "Jurisprudenz" malen sollte.

Klimts erstes Gemälde "Philosophie" wurde 1900 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert und während es in Frankreich Anklang fand (es gewann die Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung), löste es jedoch in Wien bei Professoren und Beamtenschaft heftige negative Reaktionen aus. Der Grund war, dass Klimt mit dem klassizistischen Stil seiner früheren Gemälde (der erwartet worden war) brach und in einem neuen Stil begann, in dem Nacktheit und mehrdeutiger Symbolismus mit den rationalistischen Aussagen des Klassizismus kontrastierte. Anstatt die kulturelle Stellung, die Wien damals in der Welt einnahm, zu verherrlichen, zeigte das Gemälde eine passive, instinktive Interpretation der Philosophie (Abbildung 1). Die gefühlsmäßigen Einsichten der Kunst der Moderne stimmten mit neuartigen, von Freud entwickelten, wissenschaftlichen Ansichten über die menschliche Psyche überein, der postulierte, dass der Großteil unseres geistigen Lebens unbewusst ist und dass unser zivilisiertes Leben von instinktiven Anfällen der Erotik und Aggression getrieben wird, die in Form von Worten und Gestalten ins Bewusstsein auftauchen (Kandel, 2012). Gleichzeitig mit der Philosophie erschien Freuds bahnbrechendes Buch "Die Traumdeutung" im Jahr 1900 (Freud, 1900).

Abbildung 1. Gustav Klimt: Philosophie (1900). "Links Figurengruppe: das Entstehen, das fruchtbare Sein, das Vergehen. Rechts: die Weltkugel als Welträtsel, Unten auftauchend eine erleuchtende Gestalt: das Wissen.“(Klimt im Katalog zur 1. Secession in Wien; Bild und Text: https://geschichte.univie.ac.at/de/artikel/die-fakultaetsbilder-von-gustav-klimt-im-festsaal-der-universitaet-wie. Lizenz: cc-by-nc-sa)

Während Klimt noch in die durch die Philosophie ausgelöste erbitterte Debatte verwickelt war, enthüllte er 1901 ein zweites Gemälde, die Medizin. In seinem neuen instinktiven Stil fortfahrend zeigt es eine Säule nackter Körper, in der die Gegenwart einer schwangeren Frau, von Babys und Skeletten auf die Einheit von Leben und Tod anspielt (Abbildung 2). Der nackte Körper einer bewusstlosen jungen Frau scheint davonzutreiben und wird vom starken Arm eines Mannes festgehalten. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass niemand dem Strom des Lebens entkommen kann. Am unteren Rand des Gemäldes hält Hygieia, Göttin der Gesundheit und Tochter des Gottes der Heilkunde Asklepios, die Schale mit dem Wasser der Lethe und die Schlange des Asklepios, während sie - selbstgefällig - menschlichem Leiden den Rücken zukehrt. Die Bedeutung der in diesem faszinierenden Gemälde enthaltenen Bilder war Gegenstand vieler Aufsätze und Interpretationen (z.B.: Finn et al., 2013; Kandel, 2012; Sark, 2011; Schorske, 1981). Eine Botschaft ist jedoch offensichtlich: Wir sind geboren, um zu sterben, und die Medizin - repräsentiert durch die hilflose Hygieia - kann unser Schicksal nicht ändern.

Abbildung 2. Die "Medizin" von Gustav Klimt. Das Gemälde wurde für den Großen Festsaal der Universität Wien in Auftrag gegeben. Es wurde erstmals 1901 auf der 10. Ausstellung der Secession 1901 gezeigt und 1945 zerstört. (Bild: https://geschichte.univie.ac.at/de/artikel/die-fakultaetsbilder-von-gustav-klimt-im-festsaal-der-universitaet-wien. Lizenz: cc-by-nc-sa)

Die Medizin löste eine noch heftigere Reaktion als die Philosophie aus. Neben der eindeutigen weiblichen Sexualität, die zu dieser Zeit als zutiefst anstößig galt, war das Gemälde nicht das, was Ärzteschaft und Verwaltungsapparat erwartet hatten. Anstatt die Stellung Wiens in der Welt der Medizin zu rühmen, entlarvte Klimts Gemälde - in einer instinktiven Sprache - die Grenzen unserer Fähigkeit zu heilen und die Unvermeidlichkeit des Todes. Mit anderen Worten, die wahre Natur der Medizin wurde in Frage gestellt. Das Gemälde wurde von einer medizinischen Fachzeitschrift angegriffen, und eine Gruppe von Universitätsprofessoren reichte eine formelle Beschwerde bei der Universität ein (Bitsori and Galanakis, 2002).

Nach diesem zweiten Skandal gab es für Klimt drastische Konsequenzen: Seine Professur an der Akademie der bildenden Künste wurde nicht verlängert, und die Wiener Secession verlor die staatliche Unterstützung. Klimts Reaktion darauf war, dass er "Goldfische" malte, eine traumartige Komposition, die den Kopf eines Goldfisches und mehrere nackte weibliche Figuren darstellt, von denen eine den Betrachter träumend anzublicken scheint. (Abbildung 2). Ursprünglich mit "An meine Kritiker" betitelt war die Botschaft des Gemäldes offensichtlich.

Abbildung 3. Goldfische (1901 -1902) von Gustav Klimt. Ursprünglich mit dem Titel "An meine Kritiker" versehen, spiegelt "Goldfische" Klimts Reaktion auf die Kritik wider, die er für Philosophie und Medizin erhielt. (Bild: Wikipedia, gemeinfrei)

Das letzte Gemälde der Serie für die Wiener Universität war Jurisprudence (1903 fertiggestellt). Klimt wählte erneut die instinktive Vorgehensweise und die Bildsprache der Nacktheit und stellte eine emotionale Kritik an unserer Fähigkeit dar andere Menschen zu beurteilen und zu bestrafen (Abbildung 4).

Das Unterrichtsministerium entschied schließlich, dass die Gemälde des Großen Festsaal Saals der Universität Wien nicht würdig waren. Trotz des starken Widerstands des Staates, dem die drei Gemälde gehörten, konnte Klimt sie mit Hilfe von Freunden zurückkaufen. In der Folge wechselten die Bilder mehrmals den Besitzer (Klimt starb 1918 während der Influenza-Pandemie) und wurden nach der Annexion Österreichs durch Deutschland 1938 von den Nazis von ihren jüdischen Besitzern beschlagnahmt. Ausgelagert im Schloss Immendorf in Niederösterreich wurden 1945 die drei Deckengemälde schließlich zerstört, als SS-Truppen beim Rückzug das Schloss in Brand steckten.

Abbildung 4. Gustav Klimt: Jurisprudenz (1903). Das Bild zeigt einen Verurteilten in der Gewalt dreier Furien – Wahrheit, Gerechtigkeit und Gesetz. Diese sind als von Schlangen umgebene Eumeniden dargestellt, die ihr Opfer mit der tödlichen Umarmung eines Kraken bestrafen. (Bild und Text: https://geschichte.univie.ac.at/de/artikel/die-fakultaetsbilder-von-gustav-klimt-im-festsaal-der-universitaet-wie. Lizenz: cc-by-nc-sa)

Goldfische überlebte jedoch und ist jetzt im Solothurner Kunstmuseum in der Schweiz untergebracht. Im übrigen: Kopien davon sind immer noch imstande Anstoß zu erregen: 2014 - 114 Jahre nach der ersten Kritik an Klimts Gemälden - ersuchte mich der damalige Dekan des Albert Einstein College of Medicine in New York, eine Institution, die für ihre fortschrittliche Tradition bekannt ist, eine Reproduktion des Bildes auf dem Gang vor meinem Labor zu entfernen, da er der Ansicht war, dass manche Leute Bilder von nackten Frauen als für eine medizinische Fakultät unpassend halten könnten.

Gibt es einen Zusammenhang von Kunst und Wissenschaft?

Könnte Klimt intuitiv ein genaueres Verständnis vom Wesen der Medizin gehabt haben als so manche Ärzte und der Verwaltungsbeamten der Universität zu dieser Zeit? Was die Letzteren betrifft so war das Verständnis der Medizin sicherlich durch ihre Rolle und Stellung in der Gesellschaft beeinflusst, aber das war bei Klimt nicht der Fall. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges sagte einmal, dass 90% der Kunst nicht existieren würden, wenn wir wüssten, was auf den Tod folgt (Gelman, 2011) und stellte fest, dass Kunst eine Suche nach Antworten auf Fragen nach dem Sinn unserer Existenz ist; dies ist nicht so sehr von dem unterschieden, was Wissenschaftler auf ihrer Suche nach Wissen antreibt. Künstler vereinigen oft viele Talente - Maler können auch Schriftsteller und Musiker sein und umgekehrt, was darauf hindeutet, dass ihre kreativen Einfälle auf mehrfachen Wege zum Ausdruck gebracht werden können. Desgleichen war Leonardo da Vinci ein Beispiel für jemanden, der seine Kreativität sowohl in Kunst als auch in Wissenschaft einfließen lässt.

Zudem denken Wissenschaftler manchmal wie Künstler, wenn sie ihre wissenschaftlichen Ideen entwickeln. Tatsächlich sagte Albert Einstein, er habe "nie in logischen Symbolen oder mathematischen Gleichungen gedacht, sondern in Bildern, Gefühlen und sogar musikalischen Architekturen" (Root-Bernstein and Root-Bernstein, 2010; Wertheimer, 1945). An anderer Stelle bezog sich Einstein in mehr formaler und expliziter Weise auf den Zusammenhang von Kunst und Wissenschaft, als er schrieb: "Nachdem ein gewisses Maß an technischem Können erreicht ist, verschmelzen Wissenschaft und Kunst in Ästhetik, Plastizität und Form. Die größten Wissenschaftler sind immer auch Künstler"(Calaprice, 2000).

Kunst und Wissenschaft werden vielfach als sich ergänzende Formen des Wissens angesehen. Aber wie ergänzen sie sich? "Der Dichter gibt keine Antworten", schrieb der Dichter Juan Gelman im Jahr 2011. "Bis zum Ende seiner Tage befragt er die unsichtbare Realität, die ihm keine Antworten gibt" (Gelman, 2011). Einsteins Überlegungen zu Kunst und Wissenschaft erweiterten diesen Gedanken, indem er feststellte: "Wenn das Gesehene und Erlebte in der Sprache der Logik dargestellt wird, dann ist es Wissenschaft. Wenn es durch Formen kommuniziert wird, deren Konstruktionen dem Bewusstsein nicht zugänglich sind, aber intuitiv erkannt werden, dann ist es Kunst." Nach dieser Ansicht hatte Klimt ein intuitives Verständnis der Medizin, das ihre wahre Natur zutreffender als ein unvollkommenes Werkzeug, das die Menschheit geschaffen hat, um Schmerzen zu lindern, beschrieb als die pompöse Anschauungsweise damaliger Mediziner und Universitätsverwalter.

Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft

Im Gegensatz zu anderen bemerkenswerten Ablehnungen von Auftragskunst, wie Die Verschwörung des Claudius Civilis von Rembrandt (wurde von der Stadt Amsterdam abgelehnt) und Der Mensch am Scheideweg von Diego Rivera (im Rockefeller Center, abgedeckt und zerstört), interessieren sich weiterhin Wissenschaftler und Gelehrte für das Schicksal der Deckengemälde an der Wiener Universität (Finn et al., 2013; Kandel, 2012; Sark, 2011; Schorske, 1981). (Siehe dazu auch "Kommentar der Redaktion" am Ende des Artikels.)

Gegen die Erkenntnisse von Wissenschaftlern und die intuitiven Einsichten von Künstlern gibt es in der Öffentlichkeit häufig Widerstand, da diese in der Regel die zur Zeit vorherrschenden religiösen und kulturellen Überzeugungen in Frage stellen (siehe beispielsweise Die Gefängnishefte von Antonio Gramsci). Die Geschichte ist reich an Beispielen für solche Konflikte. Die Ergebnisse von Galileo Galilei wurden von der katholischen Kirche ernsthaft in Frage gestellt, und Die Hochzeit des Figaro von Mozart wurde in Österreich wegen seiner antiaristokratischen und antimilitaristischen Zwischentöne verboten. Und Gemälde von Kandinsky, Klee, Kirchner, Marc und anderen deutschen Expressionisten wurden vom NS-Regime als "entartet" verurteilt, während die Arbeiten von Einstein und Helmholtz als "ungermanisch" abgetan wurden (Buchwald, 2016; Stern, 1986).

Wenn wir auch oft denken, dass solche Konflikte einer Vergangenheit angehören, aus der wir uns weiterentwickelt haben, so kehren diese tatsächlich zurück. In einem Stück mit dem Titel Almansor machte Heinrich Heine 1823 eine düstere Vorhersage ("dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen"), die sich tragischerweise in Deutschland während des Naziregimes und in Chile während des Militärputsches 1973 erfüllte. Wissenschaftler und Künstler gehören zudem oft zu den Ersten, die von diktatorischen Regimen verhaftet und strafrechtlich verfolgt werden. Bertolt Brecht warnte uns im letzten Satz seines Theaterstücks Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui: Ein Gangsterspektakel wachsam zu bleiben, damit solche Bedrohungen von Diktatoren nicht wiederkehren:

"Die Völker wurden seiner Herr, jedoch, –
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

Es gibt neuere Beispiele für solche Spannungen. 1999 fror der damalige Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani, die städtische Unterstützung für das Brooklyn Museum of Art ein und drohte sogar, es aus seinem Gebäude hinauszuwerfen. Der Grund dafür: Chris Ofilis Gemälde Die Heilige Jungfrau Maria verletzte seine Gefühle, da dieser eine, mit Elefantendung dekorierte schwarze Madonna gemalt hatte (Foggatt, 2018). Ein weiteres tiefergreifendes Beispiel war die Zerstörung historischer religiöser Gebäude im Irak und in Syrien durch den IS in den Jahren 2014 und 2015.

Ein noch eindrucksvolleres Beispiel für diese Spannung ist meiner Meinung nach die Art und Weise, wie einige Regierungen den Klimawandel trotz der überwältigenden wissenschaftlichen Belege und der katastrophalen Folgen für den Planeten leugnen (Mellilo et al., 2014). Schlimmer noch, die derzeitige Regierung in den Vereinigten Staaten macht die Arbeit früherer Regierungen rückgängig und zieht sich aus internationalen Abkommen zurück. Diese Episode ist ein klares Beispiel dafür, wie wissenschaftlicher Fortschritt nicht unbedingt sozialen Fortschritt garantiert und wie regressive Politik trotz gesunden Menschenverstandes bestehen kann.

Die Menschheit ist befähigt Großes in Kunst und Wissenschaft hervorzubringen, sie ist aber auch in der Lage, große Kunst und Wissenschaft zu bekämpfen und zu zerstören. Wir befinden uns in einem ewigen Kampf zwischen Gut und Böse (oder zwischen Schöpfung und Zerstörung), einen Kampf, der nach Freud im Unbewussten jedes Menschen stattfindet. Goldfische als einzig überlebendes Bild aus der Ära der für die Universität Wien geschaffenen Deckengemälde von Klimt ist ein Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Kunst und die Verteidigung ihres unerlässlichen Beitrags zur menschlichen Zivilisation.


Literatur:

Bitsori M, Galanakis E. 2002. Doctors versus artists: Gustav Klimt’s Medicine. BMJ 325:1506–1508. DOI: https://doi.org/10.1136/bmj.325.7378.1506, PMID: 12493684

Buchwald JZ. 2016. Politics, morality, innovation, and misrepresentation in physical science and technology. Physics in Perspective 18:283–300. DOI: https://doi.org/10.1007/s00016-016-0187-y

Calaprice A. 2000. The Expanded Quotable Einstein. Princeton: Princeton University Press.

Finn BC, Bruetman JE, Young P. 2013. Gustav Klimt (1862-1918) y su cuadro sobre la medicina. Revista Me´dica De Chile 141:1584–1588. DOI: https://doi.org/10.4067/S0034-98872013001200013

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Mellilo J, Richmond T, Yohe G. 2014. Climate change impacts in the United States. The Third National Climate Assessment. DOI: https://doi.org/10.7930/J0Z31WJ2

Rentetzi M. 2004. The city as a context for scientific activity: Creating the Mediziner-Viertel in fin-de-siècle Vienna. Endeavour 28:39–44. DOI: https://doi.org/10.1016/j.endeavour.2004.01.013, PMID: 15036928

Root-Bernstein M, Root-Bernstein R. 2010. Einstein on creative thinking: music and the intuitive art of scientific imagination.[Accessed July 9, 2019].

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Schorske CE. 1981. Fin-de-siècle Vienna: Politics and Culture. New York: Vintage Books.

Seebacher F. 2006. The case of Ernst Wilhelm Brücke versus Joseph Hyrtl – The Viennese Medical School quarrel concerning scientific and political traditions. In: Hoppe B (Ed). Controversies and Disputes in Life Sciences in the 19th and 20th Centuries. Ausburg: Dr.Erwin Rauner Verlag. p. 35–54.

Seyfarth EA, Zottoli SJ. 1991. Ludwig Mauthner (1840-1894): Neuroanatomist and noted ophthalmologist in fin-de-siècle Vienna. Brain, Behavior and Evolution 37:252–259. DOI: https://doi.org/10.1159/000114363, PMID: 1933249

Stern F. 1986. Einstein and Germany. Physics Today 39(2):40–49. DOI: https://doi.org/10.1063/1.881051

Wertheimer M. 1945. Productive Thinking. New York: Harper.

White R. 2006. The Study of Lives: Essays on Personality in Honor of Henry a Murray. New York: Atherton Press.


* Dieser Artikel von Alberto E.Pereda erschien unter dem Titel "Science, art, society and Klimt’s University of Vienna paintings" zuerst (am 1. August 2019) in eLife 2019;8:e50016. DOI: https://doi.org/10.7554/eLife.50016 und steht unter einer cc-by Lizenz. Der Autor hat sich freundlicherweise mit der Übersetzung des Artikels durch ScienceBlog.at einverstanden erklärt, welche so genau wie möglich der englischen Fassung folgt. Im Einverständnis mit dem Autor wurden Abbildungen 1 und 4 und die entsprechenden Legenden von der Redaktion eingefügt. Geändert wurde der Name der Göttin der Gesundheit von Hygia in Hygieia und der letzte Satz des Theaterstücks Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, der nun in der deutschen Originalfassung vorliegt. Weiters haben wir im Kommentar im Anhang  die Totalansicht der rekonstruierten Deckengemälde im Großen Festsaal der Universität Wien, wie sie sich seit 2005 dem Besucher bieten, eingefügt.


Kommentar der Redaktion

Im Mai 2005 hat das Leopold Museum (Wien) in Kooperation mit der Universität Wien das gesamte Bildensemble in Form von Schwarz-Weiß-Reproduktionen an der Decke des großen Festsaales der Universität Wien angebracht. Abbildung.

Abbildung. Deckengemälde im Großen Festsaal der Universität Wien. Im Mai 2005 wurde erstmals das ursprünglich geplante Ensemble der Deckengemälde von Klimt und Matsch mit Hilfe von Schwarz-Weiß-Reproduktionen im Großen Festsaal vollständig präsentiert. (Bild und Text: https://geschichte.univie.ac.at/de/artikel/die-fakultaetsbilder-von-gustav-klimt-im-festsaal-der-universitaet-wie. Lizenz: cc-by-nc-sa)


Artikel zum Thema Wissenschaft und Kunst in ScienceBlog.at

Günter Engel, 01.12.2016: Mutterkorn – von Massenvergiftungen im Mittelalter zu hochwirksamen Arzneimitteln der Gegenwart.

Wolfgang Neubauer, 02.09.2016: Die Erkundung der verborgenen prähistorischen Landschaft rund um Stonehenge.

Wolfgang Neubauer, 01.07.2016: Die zerstörungsfreie Vermessung der römischen Provinzhauptstadt Carnuntum.

Elisabeth Pühringer, 07.03.2014: Kunst oder Chemie – zur Farbästhetik alter Malereien.

Gottfried Schatz, 7.1.2014: Porträt eines Proteins. — Die Komplexität lebender Materie als Vermittlerin zwischen Wissenschaft und Kunst.

Sigrid Jalkotzy-Deger, 10.07.2013: Zur Aufarbeitung von Kulturgütern — Kooperation von Geistes- und Naturwissenschaften.

Uwe Sleytr, 14.06.2013: Synthetische Biologie — Wissenschaft und Kunst.