Die Digitale Revolution: Chancen und Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung

Do, 24.10.2019 — IIASA

IIASAIcon Politik & GesellschaftDie Digitale Revolution hat zu einem raschen technologischen Wandel geführt, der die Art und Weise verändert, wie Gesellschaften funktionieren und wie der Mensch auf die Erde einwirkt. Ein neuer Bericht der Initiative "Die Welt im Jahr 2050" (TWI2050-Bericht), unter Federführung des International Institute of Applied Systems Analysis (IIASA, Laxenburg bei Wien) ist auf dem hochrangigen politischen Forum der Vereinten Nationen in New York am 12. Juli 2019 veröffentlicht worden [1]. Der Bericht beschreibt, wie sich digitale Technologien nutzen lassen, um die 2015 von allen UN-Mitgliedsländern beschlossenen Ziele für Nachhaltige Entwicklung bis 2030 zu erreichen und darüber hinaus die Welt in eine nachhaltige Zukunft zu führen.*

Die Digitale Revolution – ein Begriff, der häufig verwendet wird, um den tiefgreifenden technologischen Wandel zu beschreiben – ist weltweit zum Thema der öffentlichen Diskussion geworden, und es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass der digitale Wandel eine wesentliche treibende Kraft für eine gesellschaftliche Transformation ist. Dennoch ist Digitalisierung in den 2015 von den Vereinten Nationen beschlossenen "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" mit ihren 17 nachhaltigen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals, SDGs; siehe Abbildung 1), die bis 2030 umgesetzt werden sollen, kaum erwähnt. Gleiches gilt für den Pariser Weltklimavertrag, in dem die Digitalisierung nur marginal enthalten ist.

Nachhaltige Entwicklungsziele

Tatsächlich kann die Digitalisierung die Verwirklichung der nachhaltigen Entwicklungsziele aber erheblich unterstützen oder aber auch beeinträchtigen. Ein neuer Bericht -„The Digital Revolution and Sustainable Development: Opportunities and Challenges“ - beschreibt, wie die Digitalisierung die Welt verändern kann und wie diese Veränderungen für die Zeit bis 2030 und darüber hinaus geplant werden können.

Abbildung 1. Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung: Die 17 Ziele (und 169 Unterziele, nicht gezeigt) für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) sollen bis 2030 global und von allen 193 UNO-Mitgliedstaaten erreicht werden. (Bild: WP:NFCC#7 Wikipedia, deutsche Version: © Bundeskanzleramt Österreich; Bild und Text von der Redaktion eingefügt.)

„Der digitale Wandel verändert in radikaler Weise alle Dimensionen globaler Gesellschaften und Volkswirtschaften und wird wahrscheinlich auch unsere Auffassung des Paradigmas der Nachhaltigkeit selbst verändern. Gemeinschaften für nachhaltige Entwicklung und digitale Technologie sind noch nicht ausreichend miteinander verbunden, um diese Probleme voll angehen zu können. Der Wandel zur Nachhaltigkeit muss mit Gefahren, Chancen und Dynamik der Digitalen Revolution, den Zielen der Agenda 2030 und dem Pariser Klimaabkommen in Einklang gebracht werden. Digitalisierung ist nicht nur ein Werkzeug um Herausforderungen der Nachhaltigkeit zu bewältigen, sondern auch ein wesentlicher Faktor für umwälzende ("disruptive") Veränderungen auf vielen Ebenen “, sagt Nebojsa Nakicenovic, Executive Director der Forschungsinitiative The World in 2050 (TWI2050).

In dem kürzlich unter dem Titel "Digitale Revolution und nachhaltige Entwicklung: Chancen und Herausforderungen" veröffentlichten TWI2050-Bericht, der vom IIASA, dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit (United Nations University, UNU (UNU-EHS), und von Partnern mit herausgegeben wurde, haben mehr als 45 Autoren und Mitarbeiter aus 20 Institutionen die wichtigsten Chancen und Herausforderungen untersucht, welche digitale Technologien für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele darstellen. Sie umreißen neun wichtige Überlegungen zu den Verknüpfungen zwischen den Revolutionen der Digitalisierung und der Nachhaltigkeit - sowohl positive als auch negative - und welche kritischen Themen angegangen werden müssen, um die Chancen der Digitalisierung für eine nachhaltige Zukunft für uns alle zu maximieren und die Risiken zu minimieren. Abbildung 2.

Abbildung 2. "Die Welt im Jahr 2050": Wesentliche Interventionen, um die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) zu erreichen, sind in ein Set von 6 Transformationen zusammengefasst. (Bild von der Redaktion eingefügt:.aus TWI2050 - The World in 2050 (2019)[1]; Lizenz: cc-by-nc;)

„Die Mobilisierung des enormen Potenzials einer digitalen nachhaltigen Transformation ist kein automatischer Prozess. In den letzten ein oder zwei Jahrzehnten hat die Digitalisierung als Beschleuniger wirtschaftlicher Prozesse gewirkt, die nach wie vor überwiegend auf fossiler Energie und Gewinnung von Rohstoffen beruhen. Wenn Kurskorrekturen jedoch erfolgreich sind, können die disruptiven Auswirkungen der Digitalisierung auf die Nachhaltigkeit genutzt werden, um eine Nachhaltigkeitstransformation zu beschleunigen und zu verbessern. Wir zeigen im Bericht, wie die "fehlenden Verbindungen" zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit hergestellt werden können ", erklärt Dirk Messner, Direktor von UNU-EHS.

Das digitale Anthropozän

Der Bericht weist darauf hin, dass wir uns in einer neuen Ära der Menschheitsgeschichte befinden, die durch digitale Systeme wie künstliche Intelligenz und Deep Learning gekennzeichnet ist, welche die kognitiven Fähigkeiten des Menschen in bestimmten Bereichen verbessern und letztendlich ergänzen oder möglicherweise übertreffen werden. Die Autoren fordern, dass Transformationen zur Nachhaltigkeit in diesem neuen Kontext entwickelt, umgesetzt und überdacht werden müssen und dass die Nachhaltigkeitsziele als zentrale Punkte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Zukunft für alle bis 2050 und darüber hinaus und nicht als Selbstzweck betrachtet werden sollten.

Eine weitere Überlegung betrifft die Möglichkeit, dass digitale Technologien eine disruptive Revolution in Richtung einer nachhaltigen Zukunft ermöglichen können. Dem Bericht zufolge können diese Technologien in vielerlei Hinsicht Vorteile bringen, beispielsweise indem sie die Dekarbonisierung in allen Sektoren ermöglichen und Kreislaufwirtschaft und "Shared Economies" fördern. Dies wird jedoch nicht von selbst geschehen und wahrscheinlich eine radikale Umkehrung der aktuellen Trends erforderlich machen, um die disruptiven Potentiale der Digitalisierung mit den Wegen zur Nachhaltigkeit zu harmonisieren. In diesem Zusammenhang wird in dem Bericht hervorgehoben, dass ein enormer Bedarf für entsprechende Regulierungsmaßnahmen, Anreize und Änderungen der Perspektiven besteht, die es derzeit nur in einer kleinen Anzahl von Sektoren und in einer begrenzten Anzahl von Ländern gibt. Eng damit verbunden ist die dringende Notwendigkeit einer Steuerung, um den Auswirkungen der disruptiven Dynamik der Digitalisierung entgegenzuwirken, welche die Aufnahmekapazitäten unserer Gesellschaften in Frage stellt und die bereits beunruhigenden Trends der Erosion des sozialen Zusammenhalts möglicherweise vervielfacht.

Die Autoren postulieren ferner, dass die Digitale Revolution den Weg für einen Quantensprung für die menschliche Zivilisation selbst auf einer Vielzahl von Fronten ebnet, medizinische Fortschritte mit eingeschlossen, welche im Verlauf des letzten Jahrhunderts die menschliche Lebenserwartung sich verdoppeln gesehen haben. Darüber hinaus werden autonome technische Systeme und Entscheidungsfindungssysteme, die auf maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz beruhen, künftig alle Bereiche der Gesellschaft und der Wirtschaft grundlegend verändern. Einige davon, wie die aktuellen Wettervorhersagesysteme, Spamfilterprogramme und Googles Suchmaschine, die alle mit künstlicher Intelligenz betrieben werden, sind bereits zu einem unverzichtbaren Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden.

Der neue Bericht macht auf die Notwendigkeit aufmerksam, dass Entscheidungsträger, Forscher, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure ihre Bemühungen verstärken, um die vielfältigen Auswirkungen digitaler Systeme zu verstehen und weitreichende Strukturveränderungen vorsehen, um eine Grundlage für den Wandel zur Nachhaltigkeit zu schaffen. Die Autoren warnen aber zur Vorsicht: es gibt ja keine "Silberkugel" (d.i. magische Lösung), um die digitale Revolution in Richtung Nachhaltigkeit zu gestalten und zu steuern, da die Zukunft von Natur aus ungewiss ist - die Herausforderung besteht darin, verantwortungsbewusste, belastbare, anpassungsfähige und integrative Wissensgesellschaften aufzubauen.

[1] TWI2050 - The World in 2050 (2019). The Digital Revolution and Sustainable Development: Opportunities and Challenges. International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), Laxenburg, Austria. [pure.iiasa.ac.at/15913]


* Der von der Redaktion möglichst wortgetreu aus dem Englischen übersetzte Artikel ist am 11. Juli 2019 auf der IIASA Webseite unter dem Titel: "The Digital Revolution: Opportunities and challenges for sustainable development" erschienen. IIASA hat freundlicherweise der Veröffentlichung von Inhalten seiner Website und Presseaussendungen in unserem Blog zugestimmt. Der Text wurde von der Redaktion durch passende Abbildungen  und Legenden ergänzt.


Weiterführende Links

Bundeskanzleramt: Nachhaltige Entwicklung – Agenda 2030 / SDGs

Umweltbundesamt: Die AGENDA 2030 für nachhaltige Entwicklung

Bundesrat Schweiz: 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Video)

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IIASA, 26.07.2018: Herausforderungen für die Wissenschaftsdiplomatie