Fr, 15.05.2026 — IIASA
Szenarien, die mit den globalen Klimazielen im Einklang stehen, sehen in der Regel den Abbau von Milliarden Tonnen Kohlendioxid durch flächenintensive Methoden wie Aufforstung und Bioenergie mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung vor. Ein derart groß angelegter Einsatz flächenintensiver Maßnahmen kann negative Folgen für die biologische Vielfalt haben. Gemeinsam mit Kollegen vom Potsdamer Institut für Klimawirkungsforschung haben IIASA Forscher die komplexen Abwägungen untersucht, die mit dem Pflanzen von Bäumen zur Entfernung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre verbunden sind und zeigen dabei auf, wie solche Maßnahmen je nach Art und Ort ihrer Umsetzung Umweltziele unterstützen oder untergraben können.*
Die weltweiten Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels erfordern eine drastische Senkungen der CO₂-Emissionen. Die globalen Emissionen steigen jedoch weiterhin. Durch die Nutzung fossiler Brennstoffe und Landnutzungsänderungen verursachen wir derzeit etwa 42 Milliarden Tonnen Kohlendioxid im Jahr.
Um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, das eine langfristige Verpflichtung enthält die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, wird es nicht ausreichen nur die Emissionen zu senken. Ebenfalls notwendig ist eine groß angelegte Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Jede Verzögerung bei der Emissionsreduktion macht uns mehr von zukünftiger CO2-Entfernung abhängig. Doch die Kohlenstoffentfernung ist nicht ohne Kompromisse möglich.
Einige Strategien zur Kohlenstoffentfernung sind sehr flächenintensiv. Beispiele sind das Pflanzen von Bäumen oder der Anbau von Nutzpflanzen, die als alternative Quellen zur Energieerzeugung genutzt werden können. Dies müsste in großem Maßstab geschehen, auf einer Fläche von über Millionen von Quadratkilometern. Dies könnte wiederum ernsthafte Auswirkungen auf die biologische Vielfalt haben, wenn es nicht sorgfältig gesteuert wird.
In einer aktuellen Studie (Prütz R. et al., 2026) strebt unser Team aus Klimawissenschaftlern an, die Dynamik zwischen zukünftigem Klimaschutz und dem Schutz der Biodiversität besser zu verstehen. Unser Ziel war es, potenzielle Konflikte – aber auch Synergien – zwischen den Zielen der Kohlenstoffentfernung und des Artenschutzes zu identifizieren.
Wir haben gängige Dekarbonisierungsszenarien analysiert. Wissenschaftler nutzen diese, um herauszufinden, wie sich unsere Energie-, Wirtschafts- und Landnutzungsmuster verändern sollten, um ehrgeizige Klimaziele zu erreichen. Wir wollten tiefere Einblicke gewinnen, wie viel – und wo – Land in solchen Szenarien für Strategien zur Kohlenstoffentfernung zugewiesen wird und wie sich das auf den Schutz der Biodiversität auswirken könnte.
Wir haben szenariobasierte globale Karten zur künftigen Landnutzung für die Kohlenstoffentfernung (wie das Pflanzen von Bäumen oder Energiepflanzen) mit Biodiversitätskarten und bewertet wieweit sich diese überschneiden.
Wir haben festgestellt, dass an vielen dieser Überschneidungsstellen die Strategien zur Kohlenstoffentfernung mit dem Schutz der Biodiversität im Widerspruch stehen können. Beispielsweise kann das Pflanzen von Bäumen und Energiepflanzen in unberührten Ökosystemen wie in Savannen und Graslandschaften, die normalerweise wenig Waldbedeckung aufweisen, Lebensräume schädigen.
Unsere Studie hat aber auch gezeigt, wie durch sorgfältige Auswahl der Standorte für flächenintensive Strategien zur CO2-Entfernung negative Auswirkungen vermieden werden können. Es könnten sich sogar Vorteile für die Biodiversität ergeben.
Unsere Ergebnisse könnten in die Planung einfließen, wie ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen ebenso wie der Schutz der Biodiversität erreicht werden können.
Wichtige Gebiete für die Biodiversität
In den letzten 30 – 50 Jahren hat die Welt jährlich 2 bis 5 % ihrer biologischen Vielfalt verloren. Zu den Ursachen zählen intensive Rohstoffgewinnung, Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten. Biodiversität ist entscheidend für die Bestäubung von Nutzpflanzen und die Regulierung des Wasser- und Nährstoffkreislaufs.
Um dieser Krise zu begegnen, hat das wegweisende Abkommen zum Schutz der Biodiversität von 2022, das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, ein Ziel vorgegeben:
"den Verlust von Gebieten mit hoher Bedeutung für Biodiversität ... bis 2030 fast auf Null zu reduzieren."
Allerdings definiert der Rahmen Gebiete von hoher Bedeutung für Biodiversität in nicht eindeutiger Weise. In unserer Studie haben wir den Schwerpunkt auf sogenannte Klimarefugien gelegt, die entscheidende Gebiete für die Biodiversität sind. Diese Klimarefugien wurden von einem Team von Biodiversitätsexperten im Rahmen der Wallace Initiative definiert. Konkret sind Klimarefugien Gebiete, in denen der Klimawandel relativ langsam stattfindet. An diesen Orten sind Tier-, Pflanzen- und Pilzarten zumindest bis zu einem gewissen Grad vor Schaden geschützt.
Wir haben uns auch Biodiversitäts-Hotspots angesehen. Dies sind Gebiete mit sehr hohen Anteilen verschiedener und seltener Arten. Sowohl Klimarefugien als auch Biodiversitäts-Hotspots erfordern besondere politische Aufmerksamkeit, um Störungen durch den Menschen zu vermeiden und den globalen Biodiversitätsverlust einzudämmen.
Kohlenstoffentfernung in Biodiversitätsgebieten
Unsere Analyse hat verschiedene Szenarien betrachtet, die von aktuellen politischen Plänen bis hin zu sehr ehrgeizigen Methoden zur Begrenzung der langfristigen globalen Erwärmung auf 1,5 °C reichten. Sie zeigte, dass flächenintensive Strategien zur CO2-Entfernung in bis zu 13 % der weltweiten Klimarefugien stattfinden würden. Die Überschneidung zwischen Kohlenstoffentzug und Biodiversitätsgebieten ist nicht in jedem Fall ein Problem, aber wir haben mehrere Gebiete identifiziert, in denen dies für Ökosysteme wahrscheinlich schädlich wäre.
Ein Beispiel ist Westafrika. Hier zeigen mehrere der Szenarien Überschneidungen zwischen wichtigen Biodiversitätsgebieten und der zukünftigen Produktion von Energiepflanzen – Pflanzen, die zur Energieerzeugung und zur Kohlenstoffabscheidung angebaut werden, wie Miscanthus oder Switchgrass. Das Global Biodiversity Framework zielt darauf ab schädliche Veränderungen in der Landnutzung zu verhindern (beispielsweise die Umwandlung von einem biodiversen Naturgebiet zu einem Monokulturgebiet). Diese Einschränkung könnte es jedoch erschweren, genügend Land für die CO2-Entfernung bereitzustellen, um ehrgeizige Klimaziele zu erreichen.
Unsere Studie zeigt, dass, wenn dieses Ziel strikt durchgesetzt wird, mehr als 50 % des für die Kohlenstoffentfernung vorgesehenen Landes in den bewerteten Szenarien nicht mehr verfügbar wären. Stattdessen müsste anderes Land genutzt werden, möglicherweise aufgegebenes Ackerland. Oder es wären weniger landintensive Strategien zur Kohlenstoffentfernung nötig.
Auf dem Weg zu einer biodiversitätssensiblen Planung
Eine sorgfältige Planung und Standortwahl für die Kohlenstoffentfernung sind entscheidend. Unsere Studie zeigt mehrere Biodiversitätsgebiete, in denen Strategien zur Kohlenstoffentfernung Ökosystemvorteile mit sich bringen können.
Zum Beispiel könnte die Wiederaufforstung (zur Entfernung von Kohlenstoff) in degradierten Gebieten grüne Korridore schaffen, die fragmentierte Lebensräume wieder miteinander verbinden. Das wäre gut für die Biodiversität. Strategien zur Kohlenstoffentfernung können auch den durch Erwärmung bedingten Verlust von Biodiversitätsgebieten verringern. Das würde helfen, wichtige Lebensräume zu erhalten.
Aber Maßnahmen zur Kohlenstoffentfernung müssen sorgfältig auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnitten werden.
Letztlich sind schnelle und tiefgreifende Emissionsreduktionen unsere beste Chance, die globale Erwärmung zu begrenzen, den Bedarf an CO2-Entfernung zu verringern und die damit verbundenen Risiken für die Biodiversität zu senken.
Prütz, R., Rogelj, J., Ganti, G. et al. Biodiversity implications of land-intensive carbon dioxide removal. Nat. Clim. Chang. 16, 155–163 (2026). https://doi.org/10.1038/s41558-026-02557-5
*Der ursprünglich in The Conversation erschienene Artikel wurde am 13.April 2026 unter dem Titel Planting trees to remove carbon can harm the environment – or protect it: study highlights trade‑offs | IIASA auf der Webseite des International Institute of Applied Systems Analysis (IIASA, Laxenburg bei Wien) veröffentlicht und steht unter einer cc-by-nc-Lizenz. (Deutsche Version mit leicht verändertem Titel und Abstract wurde von Redaktion erstellt.) Hinweis: Dieser Artikel gibt die Ansicht der Autoren wieder, nicht die Position des IIASA Insights Blogs oder des IIASA.
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