Die Billionen-Dollar-Frage hinter den Netto-Null-Zusagen der Unternehmen

Fr, 31.07.2026 — IIASA

IIASA Logo

Icon Klima

Die Klimainvestitionen von Unternehmen lenken mittlerweile weltweit Billionen Dollar in die Finanzierung der Transformation. Führen sie aber zu echten Klimaschutzmaßnahmen? Untersuchungen zeigen, dass allein durch die Flexibilität bei der Bilanzierung die von einem Unternehmen gemeldeten Emissionen etwa um den Faktor zwei schwanken können – genug, um entweder als Vorreiter oder als Nachzügler im Klimaschutz zu erscheinen. Um diese Lücke zu schließen, schlägt ein neuer Beitrag in Nature Sustainability vor, branchenspezifische Netto-Null-Konzepte zu entwickeln.*

Mehr als 2000 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 36,6 Billionen US-Dollar haben sich zur Netto-Null-Bilanz verpflichtet, und das jährliche Minderungspotenzial der Firmen wird auf 18 – 21 Gt CO₂-geschätzt. Laut dem neuesten Net Zero Stocktake (Bestandsaufnahme der Netto-Null Ziele) zeugen allerdings nur 7 % der Unternehmens-Netto-Null-Versprechen von echter Seriosität. Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, Unternehmen davon zu überzeugen, Netto-Null-Ziele festzulegen. Es geht darum sicher zu stellen, dass die Netto-Null-Zusagen der Unternehmen auf einer gemeinsamen wissenschaftlichen Basis beruhen.

Forscher der European School of Management and Technology (ESMT) Berlin, des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), des Bauhaus Earth und der University of Sussex schlagen einen wissenschaftliche Fahrplan zur Entwicklung branchenspezifischer Netto-Null-Konzepte vor. Im Gegensatz zu bestehenden Standards, die festlegen, was Unternehmen offenlegen müssen, definieren diese Konzepte die wissenschaftliche Grundlage, die erforderlich ist, um Netto-Null-Angaben innerhalb einer Branche vergleichbar zu machen. Jedes Konzept würde vier Elemente abdecken: eine einheitliche Emissionsbilanzierung, eine für die Branche abgestimmte Zielsetzung, eine Überwachung des Fortschritts und eine Steuerung der Restemissionen. Zusammen würden sie eine gemeinsame wissenschaftliche Grundlage für die Messung der Wertschöpfungskette der Unternehmen (Scope 3) im Rahmen des THG-Protokolls bieten, für freiwillige Verpflichtungen im Rahmen der Science Based Targets Initiative (SBTi) sowie für die gesetzlich vorgeschriebene Offenlegung gemäß der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und dem International Sustainability Standards Board (ISSB).

„Über sektorale Wege hinaus rät die aktuelle Scope-3-Leitlinie den Unternehmen, alles zu dekarbonisieren, was sie können und den Rest zu neutralisieren, ohne zu quantifizieren. Dies forciert eine kollektive übermäßige Abhängigkeit von einem umstrittenen Markt für CO₂-Zertifikate und eine CO2-Entfernungskapazität, die planetarische Grenzen hat. Branchenspezifische Konzepte würden diese Lücke schließen. Sie wandeln Planetenwissenschaft in Realwirtschaft um: sie benchmarken Unternehmensziele, die Innovation, eine gemeinsame wissenschaftliche Grundlage für Investoren und gezielte politische Unterstützung für Regulierungsbehörden fördern", sagt Ersttautorin Ramana Gudipudi vom ESMT Berlin.

Die Publikation erscheint zu einer Zeit, in der geopolitische und wirtschaftliche Zwänge die Klimapolitik schwächen. Die Vereinigten Staaten sind Anfang 2026 aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen, während das Omnibus-Paket der EU den Anwendungsbereich der CSRD erheblich einschränkte. Ohne stärkere wissenschaftliche Leitlinien drohen diese Veränderungen, Investitionen in die falsche Richtung zu lenken und das Vertrauen in die Klimaschutzmaßnahmen der Unternehmen zu schwächen.

Von globalen Pfaden bis hin zu Maßnahmen auf Unternehmensebene

Klimawissenschaft fließt selten direkt in Entscheidungen auf Unternehmensebene ein. Globale Pfade informieren die Regierungen, Regierungen gestalten die Politik und die Politik beeinflusst Unternehmensstandards. Branchenspezifische Netto-Null-Pläne zielen darauf ab, diese letzte Lücke zu schließen, indem sie sektorale Wege in branchenspezifische Leitlinien umsetzen. Da Unternehmen derselben Branche typischerweise ähnliche Wertschöpfungsketten haben, kann durch die Zuordnung dieser Wertschöpfungsketten zu sektoralen Pfaden das erforderliche Ziel der Dekarbonisierung quantifiziert werden. Ein solcher Ansatz zeigt, was realistisch erreichbar ist, was als Restemissionen übrig bleibt und wie Unternehmen ihre Fortschritte anhand einer gemeinsamen wissenschaftlichen Grundlage vergleichen können. Für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie würde ein solcher Plan die Emissionen aus Landwirtschaft, Verpackung, Transport und Kühlung den relevanten sektoralen Pfaden gegenüber stellen. Dies würde feststellen, wo Emissionen realistisch reduziert werden können, unvermeidbare Restemissionen wie Methan aus der Nutztierhaltung identifizieren und eine gemeinsame Grundlage für die Setzung von Zielen und Messungen von Fortschritten unternehmensübergreifend schaffen.

“Warum müssen Unternehmenswertschöpfungsketten verschiedene sektorale Entwicklungswege berücksichtigen? .

Warum die Industrie das braucht

Angesichts der politischen Gegenreaktion auf die Klimapolitik läuft die unternehmerische Nachhaltigkeit Gefahr, entweder zu einer Compliance-Übung zu werden oder nur dort verfolgt zu werden, wo es einen klaren Weg zur Rendite des investierten Kapitals gibt. Was Unternehmen noch nicht wissen, ist welche Kosten ein Nichthandeln verursacht und wie diese im Vergleich zu den Kosten für das Erreichen einer Netto-Null -Bilanz ausfallen.

Die Herausforderung fällt je nach Branche unterschiedlich aus. Beispielsweise müssen Bauunternehmen die in die Produktion von Zement, Stahl und Glas gesteckten Emissionen berücksichtigen; die KI-Infrastruktur sieht sich mit steigendem Strombedarf und dem Wettbewerb um Mineralien konfrontiert; Finanzinstitute benötigen zuverlässige Methoden zur Bewertung der Umstellungspläne für ihre gesamten Kreditportfolios. Branchenspezifische Konzepte würden jedes Unternehmen seine Hebel zur Dekarbonisierung – den Aufpreis, den eine glaubwürdige Vorreiterrolle im Klimaschutz fordern kann - beziffern lassen und die Kosten des Nichthandelns, falls dieses Risiko nicht angegangen wird.

"Jahrzehntelang bestand die Rolle der Klimawissenschaft darin, Regierungen zu informieren, die dann die Regeln für die Industrie festlegten. Dieses Modell steht nun unter starkem Druck. Bei Bauhaus Earth sehen wir täglich, wie dringend der Sektor bebaute Umwelt genau diese Art von wissenschaftlicher Infrastruktur benötigt. Unsere eigene Forschung zeigt, dass das Bauwesen ein Drittel der globalen Emissionen verursacht und auf dem besten Weg ist, seinen Fußabdruck bis 2050 mehr als zu verdoppeln. Branchenspezifische Konzepte, die auf physikalischen Grundlagen beruhen und mit planetaren Grenzen in Einklang sind, sind eine wissenschaftliche und praktische Notwendigkeit", sagt der pensionierte Professor Jürgen Kropp, Gastwissenschaftler bei IIASA und Partner von Bauhaus Earth.

"KI und Rechenzentren werden zu einem entscheidenden Treiber von CO2 Emissionen. International einheitliche Richtlinien für eine CO2-neutrale KI werden Investoren die dringend benötigte Planungssicherheit bieten und KI-Tools für zunehmend misstrauische Nutzer akzeptabler machen", fügt Felix Creutzig, Co-Autor der Studie und Inhaber des Bennett-Lehrstuhls für Innovation und Politikbeschleunigung an der University of Sussex, hinzu.

Ein Aufruf zum Handeln

Dieser Bericht erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Corporate Climate Governance zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das THG-Protokoll führt seine erste größere Scope-3-Überarbeitung durch, SBTi hat den Corporate Net-Zero Standard v2.0 veröffentlicht, und ISO/DIS 14060 liegt öffentlich zur Konsultation auf. Am 3. Juli 2026 hat die Europäische Kommission ihre überarbeiteten European Sustainability Reporting Standards (ESRS) verabschiedet, während inzwischen mehr als 25 Länder die globalen Offenlegungsstandards des ISSB übernommen haben.

Die vorgeschlagenen Entwürfe würden dieser konvergierenden Landschaft eine gemeinsame wissenschaftliche Grundlage geben. Die Autoren argumentieren, dass diese Entwürfe zu einer lebendigen wissenschaftlichen Ressource werden sollten, die mit der Entwicklung der Klimawissenschaft, Technologie und Industrie aktualisiert wird, analog zur Rolle des IPCC bei der periodischen Bewertung der Klimawissenschaft. Sie rufen Forscher, Unternehmen, Standardsetzer, politische Entscheidungsträger und Förderorganisationen an, um beim Aufbau zu helfen.


Gudipudi R., Costa L., Arumugam P., Agarwala M., Creutzig F., & Kropp J.P. (2026). From corporate net-zero pledges to credible climate action. Nature Sustainability. DOI: 10.1038/s41893-026-01908-6 


*Der Artikel von Jürgen Kropp und Ansa Heyl.wurde am 30.Juli 2026 unter dem Titel „The trillion-dollar question behind corporate net-zero pledges“ auf der Webseite des International Institute of Applied Systems Analysis (IIASA, Laxenburg bei Wien) veröffentlicht. Autoren sind Jürgen Kropp und Ansa Heyl. Der möglichst wortgetreu in Deutsch übersetzte Artikel steht unter einer cc-by-nc-Lizenz.