Di, 14.07.2026— Inge Schuster
Vor 4 Wochen ist Peter Schuster gestorben. Er zählt zu den international bedeutendsten Vertretern der theoretischen Chemie und hat über Fächergrenzen hinweg eine Brücke zwischen Chemie, Physik und Mathematik gebaut. Auf ihn gehen grundlegende Arbeiten zu Struktur und Dynamik von RNA, zur Evolution auf molekularer Ebene in einer RNA-Welt und zur mathematischen Beschreibung komplexer Systeme zurück. National und international für seine Forschungen hochdekoriert war Peter Schuster auch als Wissenschaftsorganisator äußerst erfolgreich. Ich habe 66 Jahre - eine ungewöhnlich lange, überaus glückliche und völlig harmonische Zeit - an seiner Seite verbracht; verständlicherweise ist mein Nachruf auf ihn persönlich gefärbt.
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Prof.Dr. Peter Schuster im Herbst 2006 (Foto I. Schuster) |
Mein Mann und ich hatten von Anfang an vieles gemeinsam; wir waren gleichaltrige, im Krieg geborene Einzelkinder, unsere Väter lernten wir erst nach ihrer Heimkehr aus der russischen Gefangenschaft kennen. Wir wuchsen in derselben Gegend - in Erdberg im 3. Wiener Gemeindebezirk – rund 400 m voneinander entfernt auf. Der Prater war sehr nah und wir verbrachten dort viel Zeit; aus unserer zerbombten Umgebung zog es uns in diese einigermaßen heil gebliebene Natur.
Wir wuchsen unter recht bescheidenen Verhältnissen auf. Unsere Eltern hatten aber das Bestreben, dass wir es einmal besser haben sollten als sie und als Voraussetzung dafür studieren sollten – unter studieren verstand man damals bereits den Besuch des Gymnasiums. Schulgeld musste bezahlt werden, Schulbücher waren teuer, und es gab natürlich keine Stipendien – unsere Eltern mussten sie sich sehr einschränken. Im Wien der 1950er Jahre schlossen nur maximal 8% der Gleichaltrigen mit der Matura ab.
Die Chemie bestimmte unser Leben
Peter war in allen Fächern ein außergewöhnlich guter Schüler; besonders die Mathematik und die Chemie hatten es ihm angetan und er wollte diese Fächerkombination auch studieren. Das ginge nicht, wurde ihm bei der Inskription vom Dekanat mitgeteilt. Er wählte also Chemie und Physik, besuchte aber auch alle Mathematikvorlesungen, die er für wichtig hielt. Peter fiel mir bereits in den ersten Wochen unseres Studium auf – ich hatte gerade die dritte Zwischenprüfung geschafft, da stand er in einem anderen Saal an der Tafel und absolvierte bereits die 5. Prüfung. Mit geradezu spielerischer Leichtigkeit beantwortete er klar alle Fragen des Prüfers. Ich sah einen großen, ausnehmend klugen und gut aussehenden jungen Mann.
Wir Studenten waren eine fröhliche, übermütige Schar; eine Gruppe von uns begann an vorlesungs-und übungsfreien Tagen Ausflüge in Wiens Umgebung zu unternehmen. Peter plante diese Wanderungen – er war Mitglied in einer Sektion des Alpenvereins und absolvierte dort gerade eine Ausbildung zum Bergführer und Schiführer. Zu Fronleichnam 1960 ging es erstmals zu einer mehrtägigen Wander- und Klettertour ins Schneeberg/Raxgebiet. Beim Einstieg zum ausgesetzten Stadelwandgrat nahm mich Peter ans Seil – wie selbstverständlich blieb ich an ihn gebunden; so begann unser gemeinsames Leben, geprägt durch tiefe Zuneigung, uneingeschränktes Vertrauen zum anderen und Faszination an der Wissenschaft.
Um es in der Sprache der Chemie auszudrücken: wir sind eine kovalente Bindung eingegangen, die so fest war, dass sie kein Angriff von außen sprengen konnte. Unsere freien Valenzen – Interessen, Vorlieben, Charaktereigenschaften - haben sich in einer Mehrfachbindung vereinigt, die unsere vormals isolierten Einheiten umgab. Mehr und mehr begannen wir mit den Augen des anderen zu sehen, mit seinen Ohren zu hören, lernten in dem komplexen Netzwerk seiner Nervenzellen zu denken, fühlen und handeln. Auch das reale Kletterseil verband uns weiterhin - wir durchwanderten allein und mit Freunden viele Gebiete in den Alpen und bestiegen dort die höchsten und schönsten Gipfel.
Das Studium schloss Peter in Rekordtempo mit ausgezeichnetem Erfolg ab und promovierte sub auspicciis praesidentis. In der für ihn charakteristischen Weise verband er bereits in seiner Doktorarbeit Chemie mit Mathematik: Er synthetisierte Verbindungen und bestimmte experimentell deren Eigenschaften, unabhängig davon zeigte er, wie gut quantenchemische Berechnungen diese Eigenschaften voraussagen – simulieren - konnten.
Prägende Jahre in Göttingen
Nach dem Studium hatten wir das große Glück am Max-Planck-Institut für physikalische Chemie in Göttingen als PostDocs akzeptiert zu werden. Dessen Direktor Manfred Eigen war ein junger, enorm dynamischer und visionärer Wissenschafter, der mit Hilfe der von ihm entwickelten Relaxationsmethoden bislang als unmessbar geltende schnelle Reaktionen messbar machen konnte. Mit diesen Techniken war es möglich erstmals Einblick in den Ablauf und damit in die Mechanismen biologischer Prozesse zu gewinnen.
Göttingen war für uns ein Schlaraffenland der Wissenschaft – es gab großartige Arbeitsmöglichkeiten und ein unglaublich stimulierendes transdisziplinäres Klima. Wenige Wochen vor unserer Ankunft hatte Eigen in Stockholm den Nobelpreis für Chemie entgegen genommen und die bedeutendsten Wissenschafter dieser Zeit - von Francis Crick über Jaques Monod, Max Perutz, Feodor Lynen zu Lars Onsager – besuchten nun Göttingen; wir hörten ihre Vorträge, konnten mit ihnen diskutieren und so den Aufbruch der molekularen Wissenschaften – vor allem der Molekularbiologie - an vorderster Front miterleben. Peter arbeitete experimentell und rechnergestützt an Wasserstoffbindungen in biologischen Molekülen, ich untersuchte die Konformationsänderungen eines Enzyms.
Manfred Eigen hatte bereits begonnen eine neue Theorie dafür zu entwickeln, wie der dynamische Prozess der Evolution wohl auf molekularer Ebene ablaufen könne und suchte jemanden, der Lösungen für die dazu benötigten kinetischen Gleichungen berechnen konnte. „Ich hatte eine Schachtel Lochkarten aus Wien mitgebracht,“ so Peter „die auch ein Paket zur numerischen Integration von gewöhnlichen Differentialgleichungen enthielt. So war es kein Problem diese Aufgabe zu erfüllen. Dies war der Beginn einer wunderbaren wissenschaftlichen Zusammenarbeit, die mein gesamtes wissenschaftliches Leben prägte und mehrere Jahrzehnte andauerte.“
Nach Wien zurückgekehrt
habilitierte sich Peter bereits 1971 in Theoretischer Chemie. In der Fachwelt war man auf ihn aufmerksam geworden und er erhielt 1972 die erste Berufung auf eine Professur in diesem Fachgebiet an die TU Berlin, die er in Hinblick auf die damalige politische Situation nicht annahm, und auch die Universität Karlsruhe verhandelte mit ihm für eine Professur. Als ihm als Berufungsabwehr die Professur für Theoretische Chemie in Wien angeboten wurde, nahm er diese 1973 freudig an.
Wir blieben also in Wien. Unserem 1972 geborenen Sohn Manfred wollten wir alles mitgeben, was uns wertvoll und wichtig erschien, die Liebe zur Natur und den Bergen gehörte dazu und auch, dass er schon als Baby Laborluft schnupperte. Er ist dann Biochemiker geworden und hat das wissenschaftliche Erbe an seine Tochter, unsere Enkelin weitergegeben, die als Biochemikerin bereits in leitender Funktion an einem Spitzen-Institut der Stanford University forscht.
In Wien ist das Team um Peter rasch gewachsen. In den ersten Jahren lag der Fokus noch auf rein chemischen Themen. Es ging um die Berechnung von Strukturen und Eigenschaften von Molekülen ab initio, d.h. ohne experimentelle Daten allein auf Basis der Quantenmechanik. Diese Arbeiten lieferten wesentliche Beiträge zur Theorie der zwischenmolekularen Kräfte und der Wasserstoffbrücken.
Ab Mitte der 70-Jahre verschoben sich Peters Interessen immer mehr zu biochemischen/biologischen Fragestellungen, vor allem zur Frage nach dem Ursprung des Lebens: Wie konnten sich aus unbelebten chemischen Verbindungen die ersten sich selbst replizierenden und evolvierenden biologischen Systeme bilden?
Am Anfang stand eine RNA-Welt
In Fortsetzung der einige Jahre zuvor begonnenen Zusammenarbeit in Göttingen begannen Manfred Eigen und Peter eine dynamische Theorie zur Selbstorganisation der Materie zu entwickeln. In dieser spielt eine RNA-Welt die zentrale Rolle: Ribonukleinsäuren, die sich nicht nur selbst replizieren sondern auch die Fähigkeit besitzen solche Vorgänge katalysieren zu können. Über „Ablesefehler“ (Mutationen) bei der Replikation und Rückkopplung einzelner Reaktionszyklen – sogenannter Hyperzyklen - kommt es dann zur Evolution, der Entstehung neuer RNA-Formen. Dabei stellte es sich heraus, dass das was Biologen allgemein als "Wildtyp" bezeichnen, tatsächlich ein breit gestreutes Spektrum von Mutanten - sogenannte "Quasispecies" - darstellt. Diese Arbeiten waren bahnbrechend, wurden tausende Male zitiert. Sie boten einerseits einen neuen Ansatz zur Erforschung der genetischen Vielfalt und Dynamik von Viren und ebenso von Krebszellen, andererseits führte die Evolution von RNA „im Reagenzglas“ zu neuen Methoden in der Biotechnologie, mit denen Moleküle nach Maß „gezüchtet“ werden konnten. Dazu entstand im Wiener Institut mit der ViennaRNA-Package, einer open-access software, ein Meilenstein für die Vorhersage und Optimierung von RNA-Strukturen, die bislang zehntausende Forscher genutzt haben. Die neuen Technologien bildeten die Plattform für eine Reihe von Life-Science Unternehmen, u.a. von Evotec, das - 1993 gegründet - heute im Nasdaq und im Dax gelistet ist.
Mehr und mehr hat sich Peter auch der mathematischen Behandlung komplexer Systeme zugewandt. Bereits wenige Jahre nach Gründung des SantaFe Instituts für komplexe Systeme in New Mexico wurde er dort externes Fakultätsmitglied und hat u.a mathematische Methoden entwickelt, um die enorm komplexen Netzwerke der Genregulation und des Stoffwechsels zu erfassen.
Wissenschaftsmanagement und Wissenschaftskommunikation
Peter war nicht nur Pionier der molekularen Evolutionsforschung, er hat als Wissenschaftsmanager auch den Aufbau von Institutionen organisiert und/oder deren wissenschaftliche Entwicklung geprägt.
Als nach dem Zusammenbruch der DDR an ihn das Ersuchen gestellt wurde dort am Aufbau der Wissenschaft mitzuhelfen, stimmte er sofort zu und baute in den Jahren 1992 -95 in Jena als Gründungsdirektor das Institut für Molekulare Biotechnologie auf, in dem er bis 1997 auch eine Abteilung leitete.
Als Vizepräsident und später als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften war er maßgeblich an Aufbau und Gründung neuer Spitzeninstitute wie beispielsweise des Instituts für molekulare Biotechnologie (IMBA) beteiligt und hat mit der Schaffung der „Jungen Kurie“ Nachwuchsforschern stärkeres Gewicht in der damals überalterten Gelehrtengesellschaft verschafft.
Eine Erfolgsgeschichte war auch das von ihm geleitete Wiener Institut für Theoretische Chemie. Das Fachgebiet hatte bei uns lange den Ruf eine staubtrockene Wissenschaft zu sein. Peter verstand es junge Menschen dafür zu begeistern. Davon zeugen rund 200 Diplom-und Doktorarbeiten, die an seinem Institut geschaffen wurden und zahlreiche Absolventen, die nun Spitzenpositionen in akademischer und angewandter Forschung haben. Weltweit zählt das Institut nun zu den besten in dem Fachgebiet.
Peter blieb bis ins hohe Alter enorm produktiv. Sein wissenschaftliches Opus umfasst fast 400 Veröffentlichungen und 15 Bücher. Seine Gabe Wissen klar und verständlich zu kommunizieren machte ihn zu einem weltweit begehrten Vortragenden. In den Jahren von 2007 bis 2020 hat er noch 120 Vorträge im In- und Ausland gehalten. Für den seit 2011 erscheinenden ScienceBlog hat er 28 Essays zur Verfügung gestellt, die in einfacher Sprache einen Überblick über seine Konzepte und Forschungsergebnisse bieten (https://www.scienceblog.at/peter-schuster).
Auf Grund seiner Leistungen erhielt Peter zahlreiche hohe Auszeichnungen, u.a. das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, den Kardinal Innitzerpreis und den Philip -Morris- Forschungspreis und wurde Mitglied vieler Akademien, darunter der US National Academy of Sciences und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.
Die menschliche Seite
Peter war ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Sein Beruf war Berufung, sein Motto war in Abwandlung eines Galileo Gallilei zugeschriebenen Ausspruchs „Man muss berechnen, was berechenbar ist und berechenbar machen, was noch nicht berechenbar ist.“ Berechnen bedeutete für ihn auch die komplexesten Lebensvorgänge auf Basis der involvierten chemischen Strukturen und Reaktionen mathematisch fassbar zu machen. Wissenschaftliche Neugier und Faszination waren zu groß, ein völliges Abschalten im Privatleben undenkbar, auch beim Bergsteigen meditierte er über knifflige Fragen.
Privat und im Beruf war er enorm vielseitig und kreativ, hatte rasche Auffassungsgabe und besaß dementsprechend großes und sehr breites Wissen Er war aber bereit dieses immer wieder in Frage zu stellen, Neues zu lernen und selbst in Neuland vorzudringen.
Privat und im Beruf zeichnete sich Peter durch physische Stärke, Willensstärke und Ausdauer in der Verfolgung von Zielen aus. Immer authentisch war er aber unfähig dabei faule Kompromisse einzugehen und half hilfsbereit Schwächeren, die auf seinem Weg mitkommen wollten. Liebenswürdig und respektvoll ging er auf andere zu, auch, wenn sie seine Ansichten nicht teilten. Davon zeugen lebenslange Freundschaften quer durch Weltanschauungen und Bevölkerungsschichten.
In der Kindheit zu Sparsamkeit und Nachhaltigkeit erzogen, konnte Peter absolut nichts vielleicht noch Brauchbares wegwerfen - unser Haus ist von solchen Dingen vollgestopft. Gleichzeitig teilte er aber großzügig materielle Werte und ebenso innovative Ideen.
Peter hatte Humor, war fast immer optimistisch und fröhlich und freute sich an den schönen Seiten des Lebens. Natürlich war er auch anspruchsvoll. Er wusste wo und wie er wohnen wollte, liebte gutes Essen und Trinken und ärgerte sich ungemein über die nun leider übliche Verunstaltung von Lieblingsopern. Laute Veranstaltungen – TamTam, wie er sagte - und den häufig damit verbundenen Smalltalk vermied er nach Möglichkeit.
Für mich entsprach Peter dem antiken Ideal von "καλός κ'ἀγαθός" (kalos kai agathos) – der Verkörperung von körperlichen, geistigen und moralischen Vorzügen. Die kovalente Bindung zwischen uns hat zu immer mehr Veränderungen in unseren Interessen, Vorlieben und Charaktereigenschaften geführt. Die Bindung ist nun zwar gelöst, die Veränderungen sind aber irreversibel – Peter bleibt weiter ein Teil von mir.
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