Über den ›Konsens‹ – Eine Einordnung

So, 24.05.2026 — Matthias Wolf

Matthias Wolf

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Immer wieder wird ›Konsens‹ in den Naturwissenschaften als fortschrittverhindernd hingestellt: Außenseitermeinungen würden marginalisiert und letztendlich unterdrückt, obwohl sie in der Vergangenheit schon oft richtig lagen. Aber stimmt das denn so überhaupt? Eine Würdigung im Licht aktueller wissenschaftsskeptischer Diskurse (am Beispiel der Klimadiskussion).

Vielfach ist heutzutage zu beobachten, wie an sich naturwissenschaftlich einwandfreie Standpunkte im öffentlichen Diskurs in Zweifel gezogen und diskreditiert werden. Immer wieder wird dazu angeführt, dass ›Konsens‹ allein als Argument nicht ausreichen würde und natürlich stimmt das. Oberflächlich betrachtet. Was dabei aber unter den Tisch fällt, ist, dass der kritisierte Konsens so gut wie nie am Wirtshaustisch ausgeschnapst wird, sondern es sehr, sehr gute Gründe für ihn gibt.

Renegaten in der Wissenschaftsgeschichte

Prof. Alfred Wegener 1950

Abbildung 1. Prof. Alfred Wegener 1950 (Bild: Wikipedia, gemeinfrei)

 

Früher war das etwas anders, da konnte ›Konsens‹ tatsächlich ein Hemmschuh sein – was allerdings immer schon weit seltener vorkam, als es Manche heutzutage hinstellen wollen. Ein gern bemühter Kronzeuge dafür ist Alfred Wegener: Seine ›Kontinentalverschiebung‹ wurde jahrzehntelang abgelehnt, bis sie sich – mittlerweile zur Plattentektonik gemausert – durchsetzte.

Doch wer genau hinsieht, merkt: Wegener wurde nicht aus Borniertheit abgelehnt, sondern weil er keinen physikalischen Antrieb für ein Wandern der Kontinente nennen konnte. Seine Erklärungsversuche (Polflucht, Gezeitenkräfte) waren um Größenordnungen zu schwach – und das hielt man ihm völlig zu Recht entgegen. Akzeptiert wurde die Idee erst, als der Mechanismus gefunden war: Konvektion im Erdmantel und damit einhergehend Spreizung des Meeresbodens. Mit anderen Worten: Selbst das Paradebeispiel für ›der Mainstream unterdrückt den Außenseiter‹ ist in Wahrheit ein Beleg für das Gegenteil! Der Konsens arbeitete durchaus evidenzbasiert – nur eben langsam.

Ignaz Semmelweis

Abbildung 1. Ignaz Semmelweis. Zu sehen ist seine Büste in der vormaligen Ignaz Semmelweis Frauenklinik in Wien. (Bild: Wikipedia, CC0-Lizenz)

 

Noch seltener gibt es die ›echten‹ Fälle, wie etwa Ignaz Semmelweis. Dieser zeigte, dass Händedesinfektion das tödliche Kindbettfieber drastisch senkt – nicht nur hatte er handfeste Sterblichkeitszahlen, sondern er konnte auch eine Maßnahme nennen: Händewaschen. Trotzdem wurde er fast zwei Jahrzehnte ignoriert und verspottet. Erklären konnte man seinen Befund damals nicht, denn die Keimtheorie kam erst später. Aber eine nachweislich wirkende, lebensrettende Maßnahme zu ignorieren, weil die Theorie dazu fehlt, ist schon etwas anderes als legitime akademische Vorsicht – hier waren tatsächlich Dogma und verletzte Berufsehre im Spiel: Immerhin schmierte Semmelweis den Ärzten auf's Brot, dass sie selbst es waren, die ihre Patientinnen ansteckten! So etwas kommt vor, aber es ist die große Ausnahme – und auch Semmelweis wurde schließlich bestätigt.

Das Argument

Und jetzt der entscheidende Punkt: Selbsternannte ›Skeptiker‹ diverser Naturwissenschaften bauen auf genau solchen Ausnahmen ihr Argument: Der Konsens habe sich schon früher geirrt – also irrt er auch heute.

Das ist schlichtweg ein Fehlschluss. Aus ›jener Konsens lag daneben‹ folgt ›dieser Konsens liegt daneben‹ ebensowenig, wie aus ›jener Außenseiter behielt recht‹ folgt, dass dieser Außenseiter recht hätte – es ist Rosinenpickerei! Man zählt die wenigen Wegeners und Semmelweise auf und verschweigt die zehntausend Außenseiter, die schlichtweg falsch lagen und zu Recht ignoriert und vergessen wurden. Ja, man lachte über Galilei. Aber man lachte auch über tausend echte Spinner – abgelehnt zu werden macht niemanden zum Genie!

Warum war die Korrektur seinerzeit überhaupt so langsam – und was hat sich daran geändert?

Der ›alte‹ Wissenschaftsbetrieb hatte zwei Engpässe: geringe Bandbreite und hohe Latenz. Sie schrieben ein Paper, schickten es an eine paar handverlesene Branchenkollegen und warteten oft monatelang auf Antwort. Als die Journale die Peer Review einführten (die sich so erst im 20. Jahrhundert flächendeckend durchsetzte), wurde die Begutachtung gründlicher, aber nicht schneller: Eine reviewte Veröffentlichung konnte sich über viele Monate ziehen. Und waren Sie der Renegat, während Ihr Reviewer zum Mainstream gehörte – wahrscheinlich genug! –, hatten Sie es schwer.

›Konsens‹ war also traditionell eine etablierte Gruppenmeinung von vielleicht ein paar Dutzend oder einigen hundert Fachleuten, langsam gefällt und von wenigen Augen gesehen. Von außen sah das aus wie ein ›argumentum ad verecundiam‹, ein Schluss aus bloßer Autorität. Aber das war es im Kern nie: Denen zu vertrauen, die die Evidenz tatsächlich geprüft haben – und das auch konnten! –, ist ein vernünftiger und kein Fehlschluss. Schwach war nicht die Logik. Schwach war, wie gründlich ein Konsens getestet werden konnte, bevor er feststand.

Dann kam das Internet.

Das Internet-Zeitalter hält Einzug

Heute laden Sie Ihr Paper auf einen Preprint-Server, und es ist binnen Minuten weltweit verfügbar – für wohlgesonnene Kollegen ebenso wie für Ihre direkten Konkurrenten und Widersacher. Nicht jedes Paper wird dabei gleich von Tausenden zerpflückt; die meisten gehen still unter. Aber genau die folgenreiche, den Konsens herausfordernde Behauptung in einem ›Hochfrequenzfach‹ – also die Sorte, um die es beispielsweise beim Klima geht – bekommt diese Behandlung sehr wohl: schnell gelesen, misstrauisch, von allen Seiten. Hält Ihr Argument nicht, sind Sie oft in Tagesfrist zerrissen.

Freilich schneidet das in beide Richtungen. Dieselbe Geschwindigkeit verbreitet auch Fehler schneller (die Flut wirklich schlechter Preprints während der Pandemie hat das gezeigt), und Probleme wie publication bias oder die Replikationskrise hat das Netz nicht beseitigt. Wissenschaft ist nicht unfehlbar geworden. Aber: Ein Konsens, der diesem schnellen, globalen, gegnerischen Dauerfeuer über Jahre standhält, ist ungleich besser geprüft und somit belastbarer als einer, der seinerzeit nur durch ein paar Hände ging! Die Zahl der Augen, die mitsuchen, ist tatsächlich um Größenordnungen gestiegen – von ein paar Dutzend auf viele tausend.

Was den von beiden Lagern vielzitierten Konsens in Klimafragen betrifft, ruht dieser ohnehin nicht auf der Geschwindigkeit durch Preprint-Server, sondern auf zusammenlaufender, voneinander völlig unabhängiger Evidenz, die über mehr als ein Jahrhundert eingesammelt wurde: die Strahlungsphysik der Treibhausgase aus dem Labor, Analysen von in Eisbohrkernen eingeschlossenen Gasen, die Keeling-Kurve, der Wärmeinhalt der Ozeane, die geographische Verteilung von Pollen, Baumringanalysen, Isotopenbestimmungen in Sedimenten, die Abkühlung der Stratosphäre bei gleichzeitiger Erwärmung der unteren Schichten (eine Signatur, die das CO2 erzeugt, aber die Sonne gerade eben nicht). Viele unabhängige Messketten, die alle auf dasselbe Ergebnis weisen. Das Internet hat dieses Fundament nicht gebaut. Es sorgt nur dafür, dass jedes einzelne Glied von jedem geprüft wurde, der ein Motiv hätte, es zu zerbrechen – und es hat gehalten!

Fazit

Deswegen ist Konsens im modernen Wissenschaftsbetrieb ein ungleich stärkeres Argument als noch vor hundert Jahren. Wer ihn heute kippen will, braucht nicht bloß ein kluges Argument, sondern eines, das genau dieses Spießrutenlaufen übersteht. Das ist eine ganz andere Hürde, als ein paar Granden zu überzeugen!

Und noch etwas: Das Netz hat die alten Türsteher abgeschafft – jeder Außenseiter wird heute gehört, sofort. Die Leugner*) werden gehört – bloß Ihre Argumente bzw. das, was sie dafür halten, sind schon längst öffentlich gescheitert! Sie glauben nur, welche zu haben, weil sie gar nicht verstehen, wovon sie reden. Das Traurige dabei: Was oft für unwiderlegbare Überlegenheit und herausragendes Detailwissen gehalten wird, steht in den meisten Textbüchern in den Einführungskapiteln und sie wissen das bloß nicht.

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*) Selbst bezeichnen sie sich meistens als ›Skeptiker‹, aber das sind sie nicht. Ein Skeptiker ist grundsätzlich bereit, sich von tragfähigen Argumenten überzeugen zu lassen. (Um auch hier ein Beispiel zu nennen: Der ausgewiesene Skeptiker Richard Muller (er bezweifelte den Hockeystick) wurde durch sein eigenes BEST-Projekt (Berkeley Earth Surface Temperature) vom Saulus zum Paulus in Sachen Temperaturkurve.) Das trifft hier nicht zu. Diejenigen, von denen hier die Rede ist, wollen aber Ergebnisse einfach vom Tisch wischen – das ist definitionsgemäß Leugnen, nicht Skepsis. Die wahren Skeptiker eines Fachs sind die, die es betreiben – zumindest, wenn sie es richtig machen. Denn Skepsis – auch und insbesondere gegenüber der eigenen Arbeit! – ist das definierende Mark der Naturwissenschaft.