Ökonomie des Klimawandels

Do, 18.06.2018 — IIASA IIASAIcon Politik & Gesellschaft

Der Klimawandel stellt nicht nur eine Bedrohung für den Planeten und die Menschheit dar, sondern wirkt sich auch auf die Stabilität der Wirtschaft aus. Um zu untersuchen, wie man diese Probleme angehen kann und was es kosten wird, entwickeln IIASA-Forscher Modelle, welche unter den sich verschärfenden Klimabedingungen Aspekte der Landwirtschaft, des Anstiegs der Meeresspiegel und der Wirtschaftsentwicklung simulieren.*

Vor einem Jahrzehnt wurden im selben Jahr drei der weltweit größten Weizen anbauenden Regionen von unterschiedlichen Wetterkatastrophen getroffen. Russland erduldete eine Hitzewelle, von der über ein Drittel seiner Anbaufläche betroffen war. Regen in der Erntezeit ließ die Qualität von Kanadas Weizen zu der von Tierfutter absinken, übermäßige Trockenheit in Westaustralien die Weizenproduktion dahinschwinden.

Abbildung 1. Wetterkatastrophen verringern die Ernten. (© Buurserstraat386 | Dreamstime)

Normalerweise puffern sich Regionen gegenseitig ab. Dieses Mal führten aber vielfache Fehlschläge zu Exportverboten. Die Preise stiegen. Hunger, bereits selbst eine Katastrophe, kann Folgewirkungen wie politische Unruhen und Migration haben. Es wäre daher zweckdienlich zu erfahren, ob in Folge des Klimawandels extreme Wettersituationen in steigendem Maße mehrere Orte gleichzeitig betreffen werden. Abbildung 1.

Klimawandel bedroht die globalen Brotkörbe

Die IIASA-Forscherin Franziska Gaupp hat gezeigt, dass dies bereits geschieht. Gaupps Forschung ist Teil einer wachsenden Zahl von IIASA-Untersuchungen, die politischen Entscheidungsträgern und Gemeinden helfen können die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf den Klimawandel zu reagieren, wenn dieser an Fahrt zunimmt, zunehmend Druck auf die Systeme ausübt und das Überleben bedroht.

Gaupp hat Daten zu Niederschlägen, Temperaturen und Sonnenschein bis ins Jahr 1967 zurück gesammelt und ebenso Daten zu Soja-, Mais-, Weizen- und Reiserträgen in den wichtigsten landwirtschaftlichen Brotkörben der Welt. Sie hat dabei festgestellt, dass im Laufe der Zeit die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, dass das Wetter schlecht genug ist, um die Ernteerträge an mehr als einem Ort zu beeinflussen.

Beispielsweise betrug die Wahrscheinlichkeit, dass in von ihr ausgewählten Brotkörben die Weizenernte gleichzeitig scheiterte, 0,3% vor 1990 und danach 1,2%; dagegen stieg die Wahrscheinlichkeit , dass der Weizen in drei oder vier Brotkörben im selben Jahr ausfiel, um 16%.

Es waren jedoch nicht alles schlechte Nachrichten. Ein gleichzeitiges Mehr an Sonnenschein erhöhte die Reisernten auf der ganzen Welt zwischen den beiden Zeiträumen und verringerten die Wahrscheinlichkeit von mehrfachen Ausfällen von 21% auf 12%.

Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Gaupp modellierte die Wahrscheinlichkeit gleichzeitiger Ausfälle bei globalen Temperaturanstiegen von 1,5 ° C und 2 ° C. Eine Begrenzung bei 1,5 ° C reduzierte das Risiko mehrfacher Ausfälle für jede Ernte um etwa ein Viertel.

Laut Gaupp sollte die Arbeit Regierungen und Unternehmen helfen, Risiken zu identifizieren und Notfallpläne zu verbessern.

„Das Klima wirkt sich auf die Erträge aus, und dies hat dann Auswirkungen auf die Preise. Preise können politische Implikationen wie Handelsverbote oder geänderte Strategien der Erntespeicherung nach sich ziehen, wobei enorme Spitzenpreise zu einer humanitären Krise werden können “, sagt sie.

Wirtschaftliche Konsequenzen des Anstiegs der Meeresspiegel

Die Auswirkungen des Klimawandels können nicht immer in wirtschaftlichen Begriffen ausgedrückt werden. Eine Abschätzung der finanziellen Auswirkungen hat jedoch den Vorteil, dass man feststellen können wird, ob es billiger kommt, Emissionen zu senken und Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen - oder nichts zu tun und nur die Kosten des Schadens auf sich zu nehmen.

Um hier eine Antwort zu finden, müssen die Forscher ein Modell erstellen, in das sie die Kosten für die Reduzierung der CO2-Emissionen, für die Anpassung und den Aufbau der Widerstandsfähigkeit gegen den Klimarwandel ebenso einbeziehen wie die Kosten für die Schäden, die entstehen, wenn man nichts dergleichen tut und für den Schaden, der verbleibt, sogar wenn man handelt.

Der IIASA-Forscher Thomas Schinko hat ein internationales Forscherteam geleitet, das die wahrscheinlich enormen finanziellen Auswirkungen abschätzte, welche Überschwemmungen in Küstenregionen aufgrund steigender Meere verursachen können. Das Problem ist, dass die Kosten für den Kampf gegen Überschwemmungen von Küstenland auch im Hinblick auf die Reduzierung der Emissionen sowie den Aufbau von Schutzvorrichtungen und eine widerstandsfähige Infrastruktur hoch sind.

„Der Anstieg des Meeresspiegels ist eines der höchsten klimabedingten Risiken, da so viele Auswirkungen damit verbunden sind, wie Küstenerosion, Überschwemmungen, Sturmfluten und das Eindringen von Salzwasser in landwirtschaftliche Gebiete“, sagt Schinko.

Das Team hat verschiedene Wirtschaftsmodelle angewandt, um zwei Szenarien zu vergleichen: die Kosten von Überschwemmungen der Küsten und von Sturmfluten für das globale BIP, i) wenn die Welt investiert, um den Temperaturanstieg unter 2 ° C zu begrenzen; und, ii) wenn die derzeitige Politik fortgesetzt wird und die Temperatur weiter steigt. Gleichzeitig haben sie auch die Auswirkungen des Baus von Deichen entlang der Weltküsten auf das BIP berücksichtigt. Abbildung 2.

Abbildung 2. Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs (Sea Rise level - SLR) auf die BIPs von G20 Ländern unter verschiedenen Szenarien in den Jahren 2050 und 2100 (Bild von der Redn. eingefügt aus: T.Schinko et al., 2020, Environmental Res Comms 2 (1): e015002. DOI:10.1088/2515-7620/ab6368. Lizenz cc-by)

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wirkt sich die Begrenzung des Temperaturanstiegs kaum auf die wirtschaftliche Belastung durch Überschwemmungen der Küsten aus. Anpassung zahlt sich jedoch mehr als aus. Das BIP leidet mehr darunter, wenn wir uns nicht anpassen, als wenn wir es tun. Das Bild ändert sich jedoch dramatisch nach 2050, wenn wir durch eine starke Milderung des Temperaturanstiegs und durch Anpassung in den Jahrzehnten vor 2100 wirtschaftlich besser dran sind, als wenn wir nichts tun. Ausgedrückt in BIP steht ein globaler Verlust von 0,5% einem Verlust von 4% gegenüber.

Klimapolitik und Wirtschaft in der Zukunft

"Das Problem mit dieser Art von Schlussfolgerung ist, dass davon ausgegangen wird, dass sich die Menschen von heute um die Menschen von 2100 kümmern. Ist man kurzfristig orientiert und sagt: Der Klimawandel nach 2050 ist mir egal, dann hat man einen hohen Abzinsungssatz und ist blind für die Notwendigkeit den Temperaturanstieg abzuschwächen. Ist man um die Zukunft besorgt, dann hat das, was im Jahr 2100 passiert, im äußersten Fall das gleiche Gewicht wie das, was im nächsten Jahr passiert. Die meisten Menschen liegen in ihren Ansichten irgendwo dazwischen “, kommentiert der IIASA-Forscher Fabian Wagner.

Es ist dies ein wichtiger Punkt, weil er politische Entscheidungen zur Bekämpfung des Klimawandels beeinflusst. Modellierer können helfen, indem sie in ökonomische Modelle einbeziehen, wie weit der durchschnittliche Mensch gesellschaftlich die Zukunft abtut. Beispielsweise könnte man an ein Modell die Frage stellen, was jetzt getan werden muss, um sicherzustellen, dass die Menschen von 2100 ausreichend Nahrung haben.

Wagner und sein Team haben in den aktuellen Modellen einige Mängel festgestellt. So haben Bevölkerungsprognosen die aufkommende Erkenntnis nicht berücksichtigt, dass die Fruchtbarkeit nicht so schnell abnimmt wie man für die Sub-Sahara Region erwartet hatte.

Durch die Verbesserung solcher Inputs hat die Gruppe gezeigt, dass wir, um sogar nur ein minimales wirtschaftliches Wohlergehen für die Menschen von 2100 zu gewährleisten, unsere Emissionen weitaus aggressiver senken, die menschliche und wirtschaftliche Entwicklung beschleunigen und das Fertilitätsniveau senken müssen.

"Wenn wir den demografischen Wandel schnell vollziehen", sagt Wagner, "können wir weniger für den Klimaschutz ausgeben."


* Der von der Redaktion möglichst wortgetreu aus dem Englischen übersetzte Artikelerscheint am 23. Juni 2020 im Options Magazine auf der IIASA Webseite unter dem Titel: " Exploring the economics of climate change". https://iiasa.ac.at/web/home/resources/publications/options/s20_Exploring_the_economics_of_climate_change.html. IIASA hat freundlicherweise der Veröffentlichung von Inhalten seiner Website und Presseaussendungen in unserem Blog zugestimmt.

Links zu den dem Artikel zugrundeliegenden Originalarbeiten finden sich auf der Webseite.