Fr. 1.5.2026 — Redaktion
Von der Stadtluft bis zum Trinkwasser – es ist kaum möglich Mikro- und Nanoplastiken (MNPs) zu vermeiden und es bestehen erhebliche Wissenslücken, die eine zuverlässige Risikobewertung von MNPs für den Menschen erschweren. Finanziert von der Europäischen Kommission mit rund 30 Millionen Euro hat ein multidisziplinäres Team aus 21 Ländern und 75 Organisationen in fünf groß angelegten Forschungsprojekten (CUSP-Cluster) untersucht, wie diese winzigen Partikel auf unsere Körper wirken und welche langfristigen Auswirkungen sie auf die Gesundheit haben.*
Besucher, die im Wilhelmina-Park in Utrecht im Sommer 2023 unterwegs waren,
dürften auf ungewöhnliche Szenarios gestoßen sein: auf Freiwillige, die im Dienste der Wissenschaft auf stationären Heimtrainern radgefahren sind. Die Fahrräder waren dabei an verschiedenen Stellen im Park aufgestellt – im Zentrum, neben einer stark befahrenen Straße und an einer Verkehrskreuzung, an der ständig Autos anhielten und wieder losfuhren. Das Ziel war es, zu beobachten, wie der Körper auf Umweltverschmutzung reagiert.
Nach dem Fahren haben die Forscher das Blut der Radfahrer analysiert und nach Veränderungen der weißen Blutkörperchen gesucht, die mit der Belastung durch winzige Plastikpartikel in der Luft in Zusammenhang stehen.
Diese als Mikroplastik bekannten Partikel kommen heute fast überall vor. Sie werden von Reifen während der Fahrt abgescheuert, sie stammen von synthetischen Materialien, die mit der Zeit abgebaut werden und von Kunststoffen, die noch sehr lange nach ihrer Entsorgung in der Umwelt verbleiben.
Die niederländische Studie ergab, dass das Einatmen verschmutzter Luft, die diese Partikel enthält, das Immunsystem vorübergehend beeinträchtigen kann. Da alle Versuchspersonen gesund waren, erholten sie sich schnell, aber die Ergebnisse werfen eine größere Frage auf: Was passiert nach Jahren wiederholter Exposition?
"Wir wissen, dass Menschen ständig exponiert sind", sagt Dr. Raymond Pieters, Immunotoxikologe an der Universität Utrecht. "Was wir noch nicht wissen, ist, was das langfristig bedeutet."
Verstehen der gesundheitlichen Auswirkungen
Pieters war Leiter einer vierjährigen, von der EU geförderten Forschungsinitiative namens POLYRISK, die im September 2025 abgeschlossen wurde. In Zusammenarbeit mit einem Netzwerk europäischer Labore versuchte sein Team, besser zu verstehen, wie Mikro- und Nanoplastiken (MNPs) in den Körper gelangen, in welchem Ausmaß wir ihnen ausgesetzt sind und ob und wie sie das Immunsystem im Laufe der Zeit beeinflussen.
Das Ausmaß des Problems ist frustrierend. Jedes Jahr werden schätzungsweise 200 bis 600 olympische Schwimmbecken voller Mikroplastik in die Umwelt freigesetzt. Man hat sie in Ozeanen, im Trinkwasser und sogar in der Luft, die wir atmen, entdeckt.
Als Reaktion darauf verstärken europäische Entscheidungsträger ihre Bemühungen, das Problem an der Wurzel anzugehen, indem sie sowohl absichtlich zugesetzte Mikroplastikpartikel (beispielsweise in Kosmetika; Anm. Redn.) als auch solche, die beim Kunststoffabbau entstehen, ins Visier nehmen. Ziel ist es, die Verschmutzung bis 2030 um 30 % zu senken; es ist Teil einer umfassenderen Initiative zum Schutz von Gesundheit und Umwelt.
Chronische Exposition
| Auswirkungen von MNPs auf humane Blutzellen. Blut wurde mit 5 unterschiedlichen Partikelarten inkubiert: Partikeln aus Polystyrol (PS), carboxyliertem (PS-COOH) und aminiertem (PS-NH2) Polystyrol, aus Polyethylen und aus Polylactat (PLA). Oben: Was untersucht wurde: Aufnahme in unterschiedliche Zelltypen, Entstehung von reaktivem Sauerstoff (ROS), Koagulierung der Zellen, Hämolyse, Ausschüttung von Cytokinen, Platelet-Funktion. Unten: Zusammenfassung der ersten umfassenden Ergebnisse zu Aufnahme und Auswirkungen von MNPs auf Blutzellen. (Bild von Redn. eingefügt. Quelle: Project PLASTICHEAL, J. Arribas Aarranz et al., Kinetics and toxicity of nanoplastics in ex vivo exposed human whole blood as a model to understand their impact on human health 2024.
https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2024.174725 . Lizenz: cc-by.) |
Auch wenn wir noch nicht vollständig verstehen, inwieweit MNPs Gesundheitsprobleme verursachen können, wissen wir, dass wir ihnen ständig ausgesetzt sind.
"Wir sind durch die Nahrung, die wir essen, das Wasser, das wir trinken, und die Luft, die wir atmen, ausgesetzt", sagt Alba Hernández, Toxikologieforscherin an der Autonomen Universität Barcelona, Spanien. "Aber es ist immer noch unklar, welche Route am wichtigsten oder am gefährlichsten ist."
Hernández hat ein parallel laufendes europäisches Forschungsprojekt namens PLASTICHEAL geleitet, das die Auswirkungen von Kunststoffen im Körper auf die menschliche Gesundheit untersuchte.
Eine Theorie besagt, dass wiederholte Exposition geringgradige Entzündung im Körper auslösen könnte – kleine "Feuer", die sich im Laufe der Zeit verstärken und zu chronischen Erkrankungen beitragen oder sich zu einer Krankheit wie Krebs entwickeln können.
Gleichzeitig bleibt die Detektion der kleinsten Teilchen eine große Herausforderung. Einige sind hundertmal dünner als ein menschliches Haar und sind mit Standardmikroskopen nicht zu erkennen, was ihre Verfolgung sowohl in der Umwelt als auch im Körper erschwert.
Trojanische Pferde
Mikroplastik kann zudem ein eher indirektes Risiko darstellen. Mit zunehmender Alterung wird ihre Oberfläche rauer und kann leichter Umweltgifte wie verkehrsbedingte Schadstoffe, Schwermetalle oder sogar Bakterien und Viren festsetzen.
"Sie sind gut darin, Substanzen aus ihrer Umgebung anzuziehen", sagt Hernandez. "Wenn man dann diese Partikel einatmet oder schluckt, nimmt man auch all diese anderen Substanzen auf."
Wissenschaftler bezeichnen dies als den "Trojanischen Pferd"-Effekt. In diesem Fall fungiert das Plastikpartikel als Träger und transportiert potenziell schädliche Stoffe in den Körper. Wie signifikant dieser Effekt genau ist, bleibt unklar.
Forscher wissen immer noch nicht, wie viel Plastik Menschen typischerweise aufnehmen, welche Arten am schädlichsten sind oder wie verschiedene Schadstoffe im Körper miteinander interagieren. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass die kleinsten Partikel, sobald sie im Körper sind, von Immunzellen, den sogenannten Makrophagen – wörtlich den "große Fressern" – aufgenommen werden können. Diese Zellen umhüllen normalerweise schädliche Stoffe und bauen sie ab, aber Kunststoffe lassen sich nicht leicht verdauen.
| Confocale Mikroskopie der Phagocytose von Polystyrolkügelchen (PS) unterschiedlicher Größe durch Makrophagen. Anfärbungen: blau sind Zellkerne, grün Aktinfilamente, rot/orange fluoreszenzmarkierte PS-Kügelchen. (Bild von Redn. eingefügt. Project PLASTICHEAL. Véronique Collin-Faure et al., "Does size matter? A proteomics-informed comparison of the effects of polystyrene beads of different sizes on macrophages." 2022. : Environ. Sci.: Nano, 2022, 9,2827-40. DOI: 10.1039/d2en00214k, Lizenz cc-by. |
"Makrophagen können MNPs zwar aufnehmen, aber sie können sie nicht abbauen", sagt Pieters. "Die Partikel können auch absorbiert und im Körper transportiert werden, und wir wissen nicht, welche Auswirkungen das hat." Einige Studien deuten darauf hin, dass sie sich in Geweben wie Leber, Nieren oder Fett anreichern können.
Konzertierter Einsatz
Um diese Fragen anzugehen, hat die EU fünf verschiedene Forschungsinitiativen finanziert, die parallel arbeiten und im Rahmen des European Research Cluster to Understand the Health Impacts of Micro- and Nanoplastics (CUSP) zusammenarbeiten.
Im Rahmen von CUSP konzentriert sich jede Initiative auf eine andere Phase des Prozesses. Zusammen bieten sie ein umfassenderes Bild – von der Exposition bis zu den Auswirkungen – davon, wie sich diese unsichtbaren Partikel auf die menschliche Gesundheit im Laufe der Zeit auswirken könnten.
Während sich Hernández' Arbeit auf den Nachweis von Kunststoffen im Körper und deren Auswirkungen auf die Gesundheit konzentrierte, liegt der Fokus anderer Teams auf spezifischeren Gesundheitsfragen. Ein Team untersucht, ob Mikroplastik eine Rolle bei allergischen Erkrankungen spielen könnte (IMPTOX), während ein anderes prüft, wie die Exposition während Schwangerschaft und Kindheit die Entwicklung beeinflussen könnte (AURORA).
Koordiniert von der britischen Forschungsberatungsfirma Optimat brachte das PlasticsFatE-Forschungsteam 28 Partner aus 11 europäischen Ländern zusammen, um zu untersuchen, wie sich Kunststoffpartikel im Körper verhalten, wie sie sich durch Organe bewegen, was sie mit sich führen und wie sie sich im Laufe der Zeit anreichern könnten.
Die Forscher von PlasticsFatE haben Labormodelle entwickelt, die menschliche Organe wie Lunge und Darm nachahmen und es ermöglichen, das Verhalten von Teilchen zu untersuchen, ohne direkt an Menschen zu experimentieren.
"Wir haben Gewebekulturen gebaut, um nachzuahmen, was in der Realität passieren würde", sagt Mark Morrison, der die Untersuchung koordinierte.
Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass manche Kunststoffpartikel die Darmbarriere passieren, in den Blutkreislauf gelangen und möglicherweise zu anderen Organen gelangen können.
Für die meisten gesunden Erwachsenen deuten die aktuellen Erkenntnisse darauf hin, dass eine geringe Exposition wahrscheinlich keinen sofortigen Schaden verursacht. Wissenschaftler bleiben jedoch besorgt über langfristige Auswirkungen, insbesondere für gefährdetere Gruppen. Menschen mit Erkrankungen wie entzündlicher Darmerkrankung könnten beispielsweise anfälliger sein. Bei diesen Personen ist die Darmbarriere weniger effizient und kann es ermöglichen, dass Partikel leichter in den Blutkreislauf gelangen.
Ein Messproblem
Eine der größten Herausforderungen ist einfach zu verstehen, wie viel Plastik wir ausgesetzt sind.
"Wir haben immer noch keine verlässlichen Werkzeuge, um zu messen, was in der Umwelt, in unserer Nahrung oder in unserem Körper ist", sagt Hernández. "Das macht es sehr schwierig, Risiken einzuschätzen."
Das Problem wird durch die große Vielfalt an Kunststoffen erschwert. Verschiedene Typen wie Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol verhalten sich unterschiedlich, und die zur Färbung oder Verstärkung von Kunststoffen verwendeten Zusatzstoffe können eigene gesundheitliche Auswirkungen haben.
Einige Forscher glauben, dass die Plastikpartikel weniger schädlich sein könnten, als die von ihnen festgehaltenen Substanzen.
"Es sind nicht nur die Partikel selbst", sagt Morrison. "Da ist das, was sie transportieren. Sie können wie ein Förderband für andere Chemikalien wirken."
Handeln inmitten von Unsicherhei
Das Interesse an diesen Erkenntnissen wächst, auch innerhalb der Branche, da Unternehmen zukünftige Regulierungen erwarten. Gleichzeitig werden internationale Bemühungen zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung fortgesetzt.
Die Verhandlungen über einen globalen Kunststoffvertrag kamen 2025 ins Stocken, obwohl Organisationen wie das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und die Lancet-Kommission für Kunststoffe und Gesundheit warnten, dass Plastikverschmutzung zu einem wachsenden Gesundheitsproblem wird.
Um diese Stränge zusammenzuführen, haben die CUSP-Forscher einen Fahrplan für die nächste Phase erstellt. Veröffentlicht 2025, hebt dieser die größten Wissenslücken hervor – von der Menge an Kunststoff, der wir ausgesetzt sind, bis hin dazu, wie sich die kleinsten Partikel im Körper verhalten – und legt Prioritäten für zukünftige Forschung fest.
Eine Botschaft sticht hervor: Unsicherheit sollte kein Grund sein, Maßnahmen zu verzögern. Auch ohne vollständige Antworten argumentieren die CUSP-Wissenschaftler, dass eine Verringerung unserer heutigen Exposition gegenüber Mikroplastik helfen könnte, potenzielle Risiken später zu begrenzen.
"Wir haben bereits genug Informationen, um uns Sorgen zu machen", sagt Hernández. "Wir sollten nicht warten, bis wir alle Antworten haben. Wir sollten jetzt handeln."
Der Artikel ist am 21.April 2026 in Horizon, the EU Research and Innovation Magazine unter dem Titel: "Scientists race to understand the health risks of microplastics.” (https://projects.research-and-innovation.ec.europa.eu/en/horizon-magazine/scientists-race-understand-health-risks-microplastics) erschienen (Autor: Anthony King). Der ungekürzte, unter einer cc-by-Lizenz stehende Artikel wurde von der Redaktion möglichst wortgetreu aus dem Englischen übersetzt und mit 2 Abbildungen aus Arbeiten zum Projekt PLASTICHEAL ergänzt.
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