Es braucht eine rasche Kurskorrektur, um ein „Treibhaus-Erde“-Szenario zu verhindern

Es braucht eine rasche Kurskorrektur, um ein „Treibhaus-Erde“-Szenario zu verhindern

Sa, 14.02.2026 — IIASA

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Das Klima der Erde entfernt sich derzeit von den stabilen Bedingungen, welche die menschliche Zivilisation seit Jahrtausenden geprägt haben. Laut neuen - unter Beteiligung des IIASA erzielten - Forschungsergebnissen scheinen mehrere Komponenten des Erdsystems näher an einer Destabilisierung zu sein als bisher angenommen wurde. Das Überschreiten kritischer Temperaturschwellen könnte selbstverstärkende Rückkopplungen und Kippdynamiken auslösen, welche die Folgen der globalen Erwärmung verstärken und den Planeten auf einen Treibhauskurs mit lang anhaltenden und möglicherweise irreversiblen Folgen bringen könnten. Wie die jüngste politische Entwicklung zeigt, bleibt das Bewusstsein für diese Risiken begrenzt.*

Eine neue Studie fasst wissenschaftliche Erkenntnisse zu Klima-Rückkopplungsschleifen und 16 Kippelementen – Subsystemen der Erde, die bei Überschreiten kritischer Temperaturschwellenwerte an Stabilität verlieren können - zusammen. Die Studie wurde von einem internationalen Forscherteam, darunter IIASA-Generaldirektor Hans Joachim (John) Schellnhuber, durchgeführt und in der Zeitschrift One Earth veröffentlicht [Ripple et al., 2026].

Die Veränderungen könnten Kaskaden von Wechselwirkungen zwischen den Subsystemen auslösen, die den Planeten in Richtung extremer Erwärmung und Anstieg des Meeresspiegels lenken – Bedingungen, die auf menschlicher Zeitskala selbst bei starken Emissionsreduktionen nur schwer umkehrbarwären.

"Nach einer Million Jahren, in denen sich Eiszeiten und wärmere Perioden abwechselten, hat sich sich das Erdklima vor mehr als 11.000 Jahren stabilisiert, wodurch Landwirtschaft und komplexe Gesellschaften ermöglicht wurden", sagte Hauptautor Willian Ripple, ein renommierter Professor für Ökologie am Oregon State University College of Forestry. "Jetzt entfernen wir uns von dieser Stabilität und könnten in eine Phase beispiellosen Klimawandels eintreten."

Zu den Kippelementen gehören die Eisschilde in der Antarktis und Grönlands, Gebirgsgletscher, Meereis, boreale Wälder und Permafrost, der Amazonas-Regenwald sowie die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC), ein System von Meeresströmungen, das einen entscheidenden Einfluss auf das globale Klima hat.

Fast zehn Jahre nach dem Pariser Abkommen, das darauf abzielte, die langfristige durchschnittliche Erwärmung auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, stieg die globale Temperatur 12 Monate in Folge über die 1,5 °C-Marke – ein Zeitraum, in dem es auch zu extremen, todbringenden und kostenintensiven Waldbränden, Überschwemmungen und anderen klimabedingten Naturkatastrophen gekommen ist.

"Die Überschreitung von Temperaturgrenzwerten wird in der Regel anhand von 20-Jahres-Durchschnittswerten evaluiert, Klimamodellsimulationen legen jedoch nahe, dass die jüngste 12-monatige Überschreitung darauf hindeutet, dass der langfristige durchschnittliche Temperaturanstieg bei oder nahe 1,5 °C liegt", sagt Co-Autor Christopher Wolf, ein ehemaliger Postdoktorand der Oregon State University, der heute Wissenschaftler bei den in Corvallis ansässigen Terrestrial Ecosystems Research Associates (TERA) ist. "Es ist wahrscheinlich, dass die globalen Temperaturen so hoch oder sogar höher sind als zu irgendeinem Zeitpunkt der letzten 125.000 Jahre und dass der Klimawandel schneller voranschreitet, als viele Wissenschaftler vorhergesagt haben."

Die Kohlendioxidwerte sind wahrscheinlich die höchsten seit mindestens 2 Millionen Jahren, mit einem atmosphärischen CO₂-Gehalt von über 420 ppm – etwa 50 % höher als vor der industriellen Revolution.

Wenn sich das Klima ändert, können Rückkopplungsschleifen die ursprüngliche Veränderung verstärken oder abschwächen. Verstärkende Rückkopplungen wie das Schmelzen von Eis und Schnee, das Auftauen des Permafrostbodens, das Waldsterben und der Verlust des Kohlenstoffs im Boden erhöhen das Risiko einer beschleunigten Erwärmung, indem sie den Temperaturanstieg und der Empfindlichkeit des Klimasystems gegenüber Treibhausgasen verstärken.

"Wir beobachten eine Beschleunigung der Erwärmung, was auf einen Verlust der Widerstandsfähigkeit des Planeten hindeutet. Die natürliche Pufferkapazität der Erde wird schwächer, und Rückkopplungen treiben das System in Richtung Instabilität. Zunehmende Hinweise auf Kipppunkte deuten darauf hin, dass viele davon eine sich selbst verstärkende Erwärmung auslösen können, sobald die Schwellenwerte überschritten werden, und uns in Richtung eines Treibhauses Erde treiben. Unsere Studie zeigt, dass wir noch nicht so weit sind – aber wir sind sehr nah dran", bemerkt Mitautor Johan Rockström, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung.

Die Autoren sagen, dass die aktuellen Beobachtungen zusammen mit den mit Klimaprognosen verbundenen Unsicherheiten als Warnsignal verstanden werden sollten, dass dringende Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Anpassung an seine Folgen erforderlich sind. Etablierte Ansätze wie der Ausbau erneuerbarer Energien und der Schutz von kohlenstoffspeichernden Ökosystemen sind von entscheidender Bedeutung, um einen weiteren Anstieg der globalen Temperaturen zu begrenzen.

Sie argumentieren, dass Klimaresilienz auch in staatliche politische Rahmenbedingungen eingebettet werden muss, neben einem sozial gerechten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Darüber hinaus hebt die Analyse den Bedarf an neuen Instrumenten hervor, darunter eine koordinierte globale Überwachung von Klima-Kipppunkten und stärkere Strategien zur Bewältigung systemischer Risiken.

Die Unsicherheit bezüglich der Schwellenwerte von Kipppunkten unterstreicht die Bedeutung von Vorsichtsmaßnahmen, da bereits das Überschreiten nur einiger dieser Grenzen den Planeten auf einen Treibhauskurs mit langanhaltenden und potenziell irreversiblen Folgen bringen könnte. Das Bewusstsein für diese Risiken bleibt begrenzt, auch wenn es weitaus einfacher ist, einen solchen Übergang zu verhindern, als ihn rückgängig zu machen, wenn er einmal begonnen hat.

Mehrere Kipp-Prozesse könnten bereits im Gange sein. Die Eisschilde Grönlands und der Westantarktis zeigen Anzeichen einer Destabilisierung, während borealer Permafrost, Gebirgsgletscher und der Amazonas-Regenwald nahe an kritischen Schwellenwerten stehen dürften.

Da das Klimasystem der Erde eng verflochten ist, können Störungen in einer Region eine Kettenreaktion über Ozeane und Kontinente hinweg auslösen. Schmelzendes Eis verringert die Reflektivität der Oberfläche und verändert die atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC), mit Folgeeffekten für tropische Regengürtel. Das weitere Abschmelzen des grönländischen Eisschilds könnte die AMOC weiter schwächen und das Risiko erhöhen, dass Teile des Amazonasgebiets vom Regenwald zur Savanne werden.

Die AMOC zeigt Anzeichen einer Abschwächung, was die Wahrscheinlichkeit eines Zugrundegehens des Amazonasgebiets erhöht, mit erheblichen Folgen für die Kohlenstoffspeicherung und Biodiversität. Durch großflächigen Waldverlust freigesetzter Kohlenstoff würde die globale Erwärmung weiter verstärken und mit anderen Rückkopplungen interagieren, wodurch das verbleibende Zeitfenster zur Vermeidung der schwerwiegendsten Klimafolgen verkürzt wird. "Was diese Forschung deutlich macht, ist, dass der Klimawandel kein fernes Umweltproblem mehr ist, sondern eine tiefgreifende systemische Bedrohung", sagt Schellnhuber. "Um ihn anzugehen, ist einglobales Handeln erforderlich, das der Geschwindigkeit, dem Ausmaß und der vernetzten Natur der Risiken, denen wir jetzt gegenüberstehen, gerecht wird."


 Quelle: Ripple, W.J., Wolf, C., Rockström, J., Richardson, K., Wunderling, N., Gregg, J.W., Westerhold, T. und Schellnhuber, H.J. (2026).The risk of a hothouse Earth trajectory. DOI: 10.1016/j.oneear.2025.101565.


*Der nach einer Pressemitteilung der Oregon State University adaptierte Artikel "Course correction needed quickly to avoid pathway to ‘hothouse Earth’scenario“(  Course correction needed quickly to avoid pathway to ‘hothouse Earth’ scenario | IIASA ist am 11.Feber 2026 auf der Webseite des International Institute of Applied Systems Analysis (IIASA, Laxenburg bei Wien) erschienen und steht unter einer cc-by-nc-Lizenz. (Deutsche Version mit leicht verändertem Abstract wurde von Redaktion erstellt.)


 

inge Sat, 14.02.2026 - 13:04