Kreatives Gemeingut – offener Zugang zu Wissenschaft und Kultur

Fr, 29.01.2016 - 18:23 — Redaktion

RedaktionIcon PolitikIn den letzten Jahren ist eine Reihe von Initiativen entstanden, die den freien, kostenlosen Zugriff zu den von öffentlicher Hand geförderten Wissenschaftsdaten einfordern. Die Non-Profit Organisation Creative Commons (CC) hat neue Lizenzmodelle geschaffen, die globale Rechtssicherheit für den Urheber und den User bieten und es dem Urheber erlauben seine Werke unter von „alle Rechte vorbehalten“ bis hin zur völlig freien Verwendung ins Netz zu stellen. Von diesen Möglichkeiten wird in steigendem Maße Gebrauch gemacht, mehr als eine Milliarde Werke sind bereits frei im Netz aufrufbar.*

Wir sind heute Zeugen und Mit-Gestalter eines globalen Umbruchs. Die digitale Revolution hat bereits alle Ebenen unseres privaten und beruflichen Lebens erfasst. Wir haben uns nur zu schnell daran gewöhnt an jedem Ort und zu jeder Zeit über soziale Netzwerke zu kommunizieren; wir sehen es als selbstverständlich an, wenn unsere Äußerungen unmittelbar nach dem Absenden auch schon bei unseren Antipoden angelangt sind und von diesen umgehend kommentiert werden. Welcher Art auch immer unser Informationsbedarf sein mag, wir versuchen Antworten aus dem Internet abzurufen (das natürlich keine Garantie auf deren Richtigkeit bietet).

Was die Wissenschaften betrifft, ist die Situation komplizierter. In vielen Ländern wird die akademische Forschung ja um überwiegenden Teil von der öffentlichen Hand finanziert. Man müsste daher nun annehmen, dass die Öffentlichkeit auch ein Anrecht hat, auf die Ergebnisse der von ihr geförderten Forschung zugreifen zu können. Dies war aber bis vor kurzem kaum der Fall Die aus Steuergeldern finanzierten Forschungsergebnisse wurden (und werden zum Großteil noch immer) zur Veröffentlichung an Verlage zusammen mit den Verwertungsrechten gratis übermittelt - häufig zahlen die Autoren auch noch dafür. Die Publikationen werden dann von den Verlagen an Bibliotheken, Wissenschafter und andere Interessierte verkauft. (Abbildung 1).

Abbildung 1. Ökonomie des akademischen Publikationssystems ohne „Open Access“. (Bild aus:“ Empfehlungen für die Umsetzung von Open Access in Österreich” . Lizenz: cc-BY, https://zenodo.org/record/33178/files/OANA_OA-Empfehlungen_12-11-2015.pdf

Die öffentliche Hand zahlt also zweimal: einmal, um die, vor allem in den Naturwissenschaften, sehr kostspielige Forschung zu ermöglichen und das zweite Mal, um die Ergebnisse dieser Forschung sehen zu können. Welche Kosten der öffentlichen Hand Österreichs für das akademische Publikationswesen insgesamt entstehen, ist Thema einer laufenden Untersuchung durch das Open Access Network Austria; grobe Schätzungen gehen von einer Größenordnung von 60 – 70 Millionen € aus (https://zenodo.org/record/18338/files/OANA_AG-Pubkosten_Reckling_06-06-2... ).

Open access

In den letzten Jahren ist eine Reihe von Initiativen entstanden, die den freien – d.h barrierefreien, kostenlosen - Zugriff zu den von öffentlicher Hand geförderten Wissenschaftsdaten für alle einfordern, so beispielsweise die Initiative „Open access“. Ihr Ziel drückte diese Initiative 2001 in der Budapester Erklärung so aus:

„Frei zugänglich im Internet sollte all jene Literatur sein, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler veröffentlichen, ohne Erwartung hierfür bezahlt zu werden.“

Zwei Jahre später – in der Berliner Erklärung – schloss man auch auch das kulturelle Erbe mit ein, also den Zugriff auf das in Archiven, Bibliotheken und Museen verwahrte Kulturgut. Darüber hinaus sollte auch die Möglichkeit bestehen, von Open-Access-Material abgeleitete Werke erstellen zu dürfen (z.B. Übersetzungen, Bearbeitungen, etc.) – natürlich unter Zitierung des Autors des ursprünglichen Werkes.

Inwieweit kann nun eine Verletzung der Urheberrechte durch open access vermieden werden?

Creative Commons

Die Non-Profit Organisation Creative Commons (CC) wurde 2001 in den USA gegründet mit der Vision

„das volle Potential des Internets auszuschöpfen – d.i. ein universaler Zugang zu Forschung und Bildung, eine volle Teilnahme am kulturellen Leben – um eine neue Ära von Entwicklung, Wachstum und Produktivität einzuleiten.“

Um die Nutzung und Weitergabe kreativer Werke flexibler gestalten zu können, hat Creative Commons neue Lizenzmodelle geschaffen, die globale Rechtssicherheit für den Urheber und den User bieten und es dem Urheber erlauben seine Werke unter von „alle Rechte vorbehalten“ bis hin zur völlig freien Verwendung ins Netz zu stellen.

Abbildung 2. Die cc-Lizenzen. (Quelle: https://creativecommons.org/licenses/)

Diese CC-Lizenzen beinhalten ein oder mehrere der folgenden Module, die in folgender Weise kombiniert werden (Abbildung 2):

  • BY (attribution): der Name des Autors muss genannt werden
  • ND (no derivate works): keine Bearbeitung – das Werk darf nicht verändert werden
  • NC (non commercial): nichtkommerziell – das Werk darf nicht kommerziell genutzt werden
  • SA (share alike): Weitergabe unter gleichen Bedingungen – das Werk muss auch nach erfolgten Veränderungen unter der gleichen Lizenz weitergegeben werden

Creative Commons setzt sich weltweit durch

Im Dezember 2015 ist ein Statusreport von Creative Commons erschienen, der eine sehr erfreuliche Entwicklung zeigt (https://stateof.creativecommons.org/2015/):

  • Enormer Anstieg der CC-lizensierten Werke (Abbildung 3)

  • Abbildung 3. Die Zahl CC-lizensierter Werke nimmt ungeheuer rasch zu (Quelle: https://stateof.creativecommons.org/2015/translation-xan.csv.html., Creative Commons Attribution 4.0 International License.)

    In der letzten Dekade ist die Anzahl der CC-lizensierten Werke immer rascher gestiegen, von 140 Millionen im Jahr 2006 auf 1,1 Milliarden hinauf geschnellt.

    CC-Lizenzen sind globaler Standard für legales Teilen geworden: Plattformen wie Wikimedia und Europeana verwenden sie, ebenso philanthropische Stiftungen (z.B. die "Bill und Melinda Gates Foundation") und der öffentliche Sektor, der im Sinne eines Open Government Verwaltungsdaten zur freien Nutzung, Weiterverbreitung und freien Weiterverwendung der Allgemeinheit zugänglich macht (In Österreich unter https://www.data.gv.at/suche/ abrufbar).

    Es nehmen auch die frei zugänglichen Zeitschriften rapide zu (s.u.). Von den Verlagen, die die Bereiche Naturwissenschaften, Technologie und Medizin abdecken, sollen hier vor allem zwei erwähnt werden: das bereits 15 Jahre alte BioMedCentral (mit über 290 Journalen und mehr als 30 000 Artikeln/Jahr) und das 2004 gegründete PLOS (Public Library of Science), das bis jetzt rund 140 000 Artikel veröffentlicht hat, die fast 12 Millionen mal im Monat aufgerufen werden. Aus den genannten Gebieten finden sich (unter CC- oder ähnlicher Lizenz) 3,7 Millionen frei zugängliche Artikel im Archiv PubMedCentral (U.S. National Institutes of Health's National Library of Medicine (NIH/NLM)): http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/journals/.

  • Mehr und mehr Menschen entschließen sich ihre Werke unter einer CC-Lizenz zu teilen (Abbildung 4)

  • Abbildung 4. Der Großteil der CC-Lizenzen sind wenig(er) einschränkend (Quelle: https://stateof.creativecommons.org/2015/translation-xan.csv.html., Creative Commons Attribution 4.0 International License.)

    Beinahe zwei Drittel der Urheber gestatten die Weitergabe ihres Werks unter weniger einschränkenden Bedingungen (CC BY und CC BY SA), d.h. kommerzielle Anwendungen und Adaptierungen sind erlaubt.

    Die Zahl der Werke, die überhaupt gemeinfrei (CC0) - in der Public Domain sind - ist von 17, 5 Millionen im Jahr 2014 auf fast 35 Millionen im Jahr 2015 gestiegen, das sind rund 3 % der 1,1 Milliarden CC-gelisteter Werke (darunter u.a. Satellitenbilder der NASA wie http://visibleearth.nasa.gov/; siehe auch: Wikipedia:Public-Domain-Bilderquellen).

  • Resonanz

  • Mehr als jeweils ein Drittel der CC-lizensierten Werke wurden in Nordamerika und Europa veröffentlicht, etwa 16 % im asiatisch-pazifischen Raum, 10 % in Südamerika, 2 % im arabischen Raum und 1 % in Afrika. CC-Inhalte werden in bereits 34 Sprachen geteilt. 2015 gab es 136 Milliarden Aufrufe.

  • Die CC-lizensierten Werke sind eine Schatztruhe,

  • es gibt jegliche Inhalte: von der Forschung bis hin zu süßen Katzenfotos (Abbildung 5):

    Abbildung 5. CC-lizensierte Werke bieten ein riesiges Reservoir unterschiedlichster Themen und Darstellungsformen (Quelle: https://stateof.creativecommons.org/2015/translation-xan.csv.html., Creative Commons Attribution 4.0 International License.)
  • Es gibt Millionen von Websites, die bereits CC-Lizenzen nutzen ,

  • Abbildung 6. Einige große Plattformen, die CC-Lizenzen nutzen (Quelle: https://stateof.creativecommons.org/2015/translation-xan.csv.html., Creative Commons Attribution 4.0 International License.)

    Das Spektrum reicht von den größten, in Abbildung 6 gezeigten, Plattformen - u.a. Wikipeda, Flickr und YouTube - bis zu den kleinsten persönlichen Blogs.

    Das von der Universitätsbibliothek der Universität Lund (Schweden) betriebene Directory of Open Access Journals (DOAJ) - https://doaj.org/ - listet 10 800 lektronische Zeitschriften, die im Internet frei zugänglich sind (Stand: Dezember 2015).

  • Einige große Stiftungen

  • haben ihre Standardregeln von geschlossen auf offen umgestellt und verlangen CC BY- oder CC0 Lizenzen für die von ihnen geförderten Forschungsprojekte. Zusammengenommen haben die Ford Foundation, Bill and Melinda Gates Foundation, William and Flora Hewlett Foundation, Wikimedia Foundation und Vancouver Foundation im Jahr 2015 rund 1,9 Milliarden Dollar an Fördergeldern vergeben.

  • Über 50 Museen und andere kulturelle Einrichtungen

  • haben ihre Inhalte bereits öffentlich zugänglich gemacht (Abbildung 7)

    Abbildung 7. Einige der Kultureinrichtungen, die ihre Dauerausstellungen oder Aufzeichnungen unter CC-Lizenzen gestellt haben.

Fazit

Wissenschaft als kreatives Gemeingut eröffnet noch nie dagewesene Chancen, die unabhängig von der jeweiligen finanziellen Situation des Einzelnen, seiner Institution oder seines Landes sind. Die Möglichkeiten für den Bürger reichen von seiner individuellen Information und Verbesserung der Bildungssituation bis zur Beteiligung an Forschungsprojekten (Citizen Science). Auf der Seite der Forscher kann eine neue Art globaler, transdisziplinärer Zusammenarbeit auf allen Ebenen entstehen, die zweifellos eine enorme Steigerung des kreativen Inputs und damit der Effizienz der Forschung bedeutet.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------
*Teile dieses Artikels sind dem Bericht „State of the Commons 2015“ entnommen, der unter der Creative Commons Attribution 4.0 International License.steht. https://stateof.creativecommons.org/2015/translation-xan.csv.html


Weiterführende Links:

Homepage Creative Commons: https://creativecommons.org/

Open Access. Der freie Zugang zu wissenschaftlicher Information. Plattform, die im Rahmen eines DFG-Projekts kooperativ von der Freien Universität Berlin und den Universitäten Göttingen, Konstanz und Bielefeld aufgebaut wurde und 2007 online ging. Zielgruppen sind alle relevanten Akteure im Wissenschaftsbereich, http://www.open-access.net/AT-DE/oesterreich-deutsch/

Recommendations for the Transition to Open Access in Austria. https://zenodo.org/record/34079#collapseOne

Internet Archive is a non-profit library of millions of free books, movies, software, music, and more (enthält u.a. Biodiversity Heritage Library). https://archive.org/



Kommentare

grandios,

was es an frei zugänglicher Lektüre bereits gibt - ich habe eben etwas im "Internet Archive" herumgeschmökert.

Bibliotheken werden somit mehr und mehr obsolet, durch riesige Datenspeicher ersetzt; um die Bücherregale im Wohnzimmer zu ersetzen, reicht schon der USB-stick.

Verlage sollten sich sehr rasch auf die wachsende Konkurrenz durch Non-Profit Organisationen einstellen - Wikipedia hat ja bereits gezeigt, wie schnell teure Produkte, wie z.B. Enzyklopädien, Ladenhüter werden, vom Markt verschwinden.

Open access ist ein Segen

für alle, die eine Firma im Science&Technology Bereich gründen, soferne diese nicht ein spin-off ihrer akademischen Tätigkeit an einer der Unis ist .

Ansonsten ist der Zugang zur Fachliteratur enorm eingeschränkt. Es ist ein Zustand, wie er für die Zeit nach WKII kolportiert wird: man muss jemanden kennen, der jemanden kennt, der Zugriff zu den benötigten papers hat und diese freundlicherweise "weiterleitet".

und dann liest man,

dass die öffentliche Hand bei uns in Ösiland ja nicht einmal weiss, wieviel sie für das Publikationswesen ausgibt!

Kommentar hinzufügen

The content of this field is kept private and will not be shown publicly.

Sehr geehrter Besucher, wir laden Sie herzlich ein, Ihre Meinung, Kritik und/oder auch Fragen in einer Mailnachricht an uns zu deponieren. Gültigen Absendern werden wir zügig antworten.